Nach den beträchtlichen Kursschwankungen in den Vorwochen ist jetzt an den Wertpapiermärkten eine Pause der Konsolidierung eingetreten. Allerdings deutet die geringe Umsatztätigkeit darauf hin, daß sich weder Kundschaft noch Berufshandel mit dem jetzigen Niveau abgefunden haben. Mit Sorge betrachtet man die weitere Entwicklung auf dem Lohngebiet, weil von hier aus sehr leicht die Lohn-Preis-Schraube wieder in Bewegung geraten könnte und dann das Gespenst der Kredit-Restriktionen wieder in das Blickfeld tritt. Die Warnungen des BdL-Präsidenten Vocke vor dem Hamburger Übersee-Club werden durchaus nicht auf die leichte Schulter genommen. Die Blicke der ausländischen Kundschaft sind nach Genf gerichtet. Erst wenn hier die Entscheidungen nach der einen oder anderen Seite gefallen sind, werden diese Kreise neue Dispositionen auf dem deutschen Markt treffen. Bis dahin hat sich ihre Aktivität den amerikanischen Börsen zugewandt, wo die Tendenz wieder aufwärts gerichtet ist. Schweizer Interessenten zeigten nur vorübergehendes Interesse für deutsche Papiere.

Die Zurückhaltung der Börsenkundschaft erstreckte sich auch auf die jetzt emittierten jungen Aktien, so daß die Bezugsrechtnotierungen bedenklich unter ihrem rein rechnerischen Wert gehandelt wurden. Bei dem jetzigen Börsenklima sind Kapitalerhöhungen keineswegs mehr ein kursanregendes Moment! sie wirken geradezu als Baisse-Faktor, wie die Beispiele Goldschmidt, Berger, Schering, Thyssen-Hütte, Bankverein Westdeutschland und Bayerische Hypotheken- und Wechselbank gezeigt haben. Das Bezugsrecht beim Bankverein Westdeutschland lag am ersten Notierungstag bei 32; das ist beträchtlich unter der rechnerischen Parität, obgleich der Aktienkurs am gleichen Tag um zehn Punkte zurückgenommen wurde. Die Umsätze waren auf dieser Basis noch beträchtlich. Unter diesen Umständen konnte eine Kritik wegen mangelnder Kurspflege nicht ausbleiben. Die Bezüge der BayerischenHypotheken- und Wechselbank wurden bei rückläufigen Aktienkursen zu 32 1/2 v. H. gehandelt. Bei der Industriekreditbank erreichte das Bezugsrecht mit einheitlich 6 v. H. gerade die Hälfte der rechnerischen Parität. Im übrigen ist nicht gesagt, daß diejenigen, die zu diesen Kursen die Bezüge erworben haben, auf die Dauer gesehen nicht ein lohnendes Geschäft gemacht haben.

Bei einem Wochenvergleich schneiden die Montanwerte durchschnittlich mit Gewinnen von vier bis sechs Punkten ab. In Einzelfällen war die Erholung noch kräftiger. Das gilt besonders für die Nachfolgegesellschaften der GHH-Gruppe. Hoffnungen auf eine baldige Fusionierung des Hüttenwerk Oberhausen und Bergbau Neue Hoffnung dürften sich allerdings in diesem Jahr nicht mehr realisieren. Feste Vorstellungen über das etwaige Aktien-Tauschverhältnis scheinen noch nicht zu bestehen, doch spricht sehr viel für einen Umtausch im Verhältnis 1:1. Die GHH-Nürnberg steht zunächst noch außerhalb von Rekonzentrationsüberlegungen. Hier wirkten sich höhere Dividendenerwartungen anregend auf den Kurs aus (210 bis 220). Die Kurse von Thyssen (174) und Niederr. Hütte (185) – beide Gesellschaften sind durch einen Organschaftsvertrag verbunden – sind in den letzten Tagen vergangener Woche etwas auseinandergefallen. Bei Niederrh. Hütte rechnet man für 1954/55 mit einer Dividende von 6 v. H., bei Thyssen ist für 1955/56 erst eine von 5 v. H. in Aussicht gestellt. Mit dem Stillstand der Baisse kamen bei Rheinstahl wieder nüchterne Überlegungen zum Zuge. In dem Gewinn von 13 Punkten kommen die Hoffnungen zum Ausdruck, die mit der erzwungenen Revision des Umstellungsverhältnisses verknüpft sind.

DSn. IG-Farben-Nachfolgern kamfen Tauschoperatiönen zugute, die zu Lasten noch wenig gesunkener Lokal- und Spezialwerte vorgenommen wurden. Die Elektrowerte waren nur geringfügig verändert. Bei Siemens taxiert man die Dividende – für das laufende Geschäftsjahr auf 9 v. H. Bekula stiegen in der vergangenen Woche um elf Punkte auf 160. Als Grund sind Erwartungen zu nennen, die mit der Abfindung für die Aktionärsansprüche aus der Dividendengarentie durch den Berliner Senat zusammenhängen. Eine offizielle Stellungnahme steht jedoch noch aus.

Bei Buderus haben die Mehrheitskäufe ausgesetzt. Dadurch fiel der Kurs von 235 auf 220 v. H. Ob der Interessent jetzt den von ihm gewünschten Anteil besitzt, scheint noch nicht festzustehen. Nennenswert erholt waren andererseits die Kaliwerte, wo Salzdetfurth bis 231 (plus 19), Wintershall bis 229 (plus 18) und Burbach bis 118 (plus 13) kamen. Berichte über günstige Geschäftsergebnisse haben die Aufmerksamkeit auf diese Papiere gelenkt. Bei der Dt. Erdöl AG sollen die bisherigen Monate dieses Geschäftsjahres, wie erwartet, – günstig gewesen sein. Ob der Erfolg sich in einer höheren Dividende niederschlagen wird, ist noch offen. Der Kurs kam bis 165 1/2 (plus 5).

Bei der Metallgesellschaft, deren Kurs durch die Baisse nur unwesentlich gelitten hat, rechnet man für das am 30. September abgelaufene Geschäftsjahr mit einer Dividende von unverändert 10 v. H., dagegen dürfte sich der Satz bei der VDM von 7 auf 8 v. H. erhöhen. Die Aktien beider Gesellschaften konnten Kursgewinne aufweisen. Daß es auch Enttäuschungen geben kann, exerzierte die Hansa-Mühle AG vor, deren Abschluß nach bewährtem Muster auch für 1954 einen Verlust ausweisen dürfte. Kein Wunder also, wenn die Aktien selbst zu 77 v. H. nicht abzusetzen waren. – Am Rentenmarkt kam bei den öffentlichen Anleihen weiteres Material heraus, das zwar zu unveränderten Kursen, aber doch unter Schwierigkeiten aufgenommen würde. Einige Realkreditinstitute sind mit ihren 5- und 5 1/2prozentigen Emissionen weiter zurückgegangen. Dagegen bestand auf der niedrigen Basis für Indrustrieobligationen einige Kaufneigung. -ndt.

150 Jahre Dierig. Die überwiegend im Familienbesitz befindliche Christian Dierig AG in Augsburg blickte in diesen Tagen auf ihr 150jähriges Bestehen zurück. Christian Gottlob Dierig gründete 1805 die Firma "Christian Dierig" in Langenbielau/Schlesien. Bereits 1842 waren etwa 3000 Handweber und 1000 Spuler beschäftigt. 1866 wurden die ersten mechanischen Webstühle aufgestellt und 1902 die bisherige offene Handelsgesellschaft in eine GmbH umgewandelt. 1918 erfolgte der Erwerb der Mechanischen Weberei am Mühlbach in Augsburg. Nach Ausdehnung des Unternehmens in Sachsen und nach Angliederung einiger anderer Werke wurde 1928 die Christian Dierig AG, Oberlangenbielau/Schlesien, gegrindet. Es folgte 1930 der Zusammenschluß von Dierig und Hammersen (Osnabrück) unter Erhaltung der Selbständigkeit der beiden Firmen als Dachgesellschaft in der Deutsche Baumwoll AG (Debag) und 1935 die endgültige Verschmelzung der beiden Unternehmen. Nach Verlust der Werke in Sachsen verlegte die Christian Dierig AG 1946 ihren Sitz nach Augsburg. Das Grundkapital beträgt jetzt 47 Mill. DM. Außer der Organgesellschaft F. H. Hammersen AG (Osnabrück) gehören zu den Beteiligungsgesellschaften die Spinnerei und Weberei Kottern (Kottern bei Kempten), die Haunstetter Spinnerei und Weberei (Haunstetten), die Augsburger Buntweberei Riedinger (Augsburg) und die Textilausrüstung und Druckerei Prinz AG (Augsburg).