Berlin, im November

Eines der lebensfähigsten und schädlichsten Überbleibsel des Kapitalismus im Bewußtsein der Menschen ist die Religion, die religiösen Vorurteile. Diese Vorurteile vergiften immer noch Teile unseres Volkes und hindern die Menschen, aktiv am Aufbau des Kommunismus teilzunehmen." Dieser Satz stammt aus einem Leitartikel der Prawda vom 24. Juli 1954, in dem eine schärfere wissenschaftlich-atheistische Propaganda gefordert wird. Er könnte aber, wie das meiste aus der Sowjetpresse, ebensogut in einer Zeitung der Sowjetzone stehen, und tatsächlich konnte man vor wenigen Tagen in der zwanzig Seiten langen Entschließung des jüngsten, 25. Plenums des SED-Zentralkomitees, die dem Parteiorgan beilag, auf Seite 18 die Forderung lesen, das sozialistische Bewußtsein im Kampf gegen religiöse Auffassungen zu entwickeln; es sei "eine Aufgabe der Parteimitglieder, sich mit religiösen Vorurteilen auseinanderzusetzen". Auf der gleichen Tagung hat Walter Ulbricht einen scharfen Angriff gegen die evangelische Kirchenleitung geführt und zum Kampf gegen die Religion, die den Fortschritt hindere, auf der Basis des wissenschaftlichen Materialismus aufgerufen. Kurz zuvor hatte Bischof Dibelius vor der Provinzialsynode der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg erklärt, das Klima sei hier, im Gegensatz zum Westen, spürbar unfreundlicher geworden, und Generalsuperintendent Jacob aus Kottbus meinte, die Lage könne nicht ernst genug angesehen werden.

Die Spannung zwischen Kirche und staatgewordenem Atheismus kann gewiß nicht aufgehoben werden, aber sie kennt doch mildere und härtere Perioden. Zugleich mit der Einleitung des "Neuen Kurses" durch das Politbüro-Kommunique vom 9. Juni 1953 wurde am gleichen Tage ein Kommuniqué über Besprechungen zwischen Regierungsvertretern und evangelischen Kirchenführern vom 10. Juni herausgegeben. "Für die Wiederherstellung eines normalen Zustandes zwischen Staat und Kirche" lenkte hier der Staat offenkundig ein und widerrief kirchenfeindliche Akte aus den vorangegangenen Monaten: Maßnahmen gegen die "Junge Gemeinde" und Beschlagnahme kirchlicher Anstalten. Das kirchliche Eigenleben sollte in Zukunft nach den Bestimmungen der DDR-Verfassung vom Staate gewährleistet sein.

Das Problem der Spannung war damit indessen nicht gelöst. Die Reibungsflächen mußten sich in dem Maße vermehren, wie die "ideologische", das heißt von materialistischen Prinzipien geleitete Durchdringung des gesamten öffentlichen Lebens voranschritt.

Offene oder versteckte Presseangriffe, Beschränkung der Auflagenhöhe für kirchliche Zeitungen und Beschlagnahmen einzelner Nummern, Verweigerung von Passierscheinen für Geistliche aus dem Westen und, vor allem in Ostberlin, Schwierigkeiten beim Zuzug neuer Pfarrer oder Diakonissen sind das Resultat dieser anhaltenden Spannung, die sich, der Statistik nicht greifbar, in den seelischen Konflikten der Gemeindemitgliedern fortsetzt. Zu einer Verschärfung der Situation, die der Generalsuperintendent Jacob als den – Beginn einer Stunde großer Anfechtung bezeich-

net, ist es durch die verstärkte Kampagne für die Jugendweihe gekommen. Während im Vorjahr die Werbung jedoch noch vergleichsweise maßvoll geführt wurde, hat sich der Druck auf Kinder, Eltern und Lehrer jetzt ungemein verstärkt und Bischof Dibelius zu Offenen Briefen an Eltern und Lehrer veranlaßt, die vor jedem "Kompromiß mit dem Atheismus" warnen.

Sabina Lietzmann