R. G., Kronach

Die kleine Kreisstadt Kronach im Frankenwald, ganz dicht an der Zonengrenze, war Schauplatz einer Ost-West-Konferenz en miniature. Eine Delegation aus Ostberlin, die der sowjetzonale Ministerialbeamte Freund leitete, und eine Abordnung aus der Bundesrepublik, der Dr. Leopold von der Treuhandstelle für Interzonenhandel vorstand, schlossen nach zweitägiger Konferenz ein Abkommen, das nahezu 200 westdeutschen Arbeitern um mindestens ein weiteres Jahr ihren Arbeitsplatz – sichert.

Schon von jeher fanden Schieferbrucharbeiter aus (dem nördlichen Teil des Landkreises Kronach Lohn und Brot im thüringischen Lehesten und Probstzella. Aber der Schnitt; mit dem die "Großen Drei" in Potsdam den deutschen Volkskörper trennten, traf auch diese bayerischen Arbeiter. Sie verloren ihren Arbeitsplatz in Thüringen, den schon die Väter und Großväter der heutigen Generation innehätten. Aber im Zeichen einer "Politik des Lächeln" lachte die Sonne auch wieder für die Schieferbrucharbeiter im Frankenwald.

Im Januar wurde in Ostberlin ein Vertrag geschlossen, nach dem insgesamt 117 bayerische Arbeiter die Zonengrenze wieder überschreiten dürfen. Sie kehrten an ihren angestammten Arbeitsplatz zurück. Da das Abkommen jedoch nur auf ein Jahr befristet war, wuchsen mit dem Fallen der Blätter die Sorgen in manchem Haus in den kleinen Orten des Frankenwaldes. Was wird, wenn der Vertrag abläuft?

Aber die Verantwortlichen in Ost und West letzten sich in Kronach an den Konferenztisch und beschlossen die Verlängerung des Abkommens um ein Jahr. Dabei zeigte es sich, daß die Zone mehr als wir unter dem Mangel an Arbeitskräften zu leiden hat. Deshalb erklärte sich die sowjetzonale Delegation bereit, weiteren 50 bayerischen Arbeitern einen Arbeitsplatz zu beschaffen. Außerdem will sie auch die Planungsexperten von drüben kennen Nachwuchssorgen – etwa 20 bis 30 Lehrlinge ausbilden. Für die Entlohnung wurde ein Verfahren erdacht, das die Schieferbrucharbeiter zufriedenstellt. Sie erhalten ihren sogenannten Leistungsgrundlohn in DM-West. Nur der "Mehrleistungslohn" wird in DM-Ost ausgezahlt. Dafür können sie ihre Sozialversicherungsbeiträge zahlen und HO-Waren kaufen.

Ein besonderes Sorgenkind war immer die Krankenversorgung der 117 Arbeiter, die nach dem neuen Abkommen auf rund 200 anwachsen werden. Zwar konnten sie sich jederzeit ambulant in Lehesten und Probstzella behandeln lassen. Was aber, wenn ihre Familienangehörigen, die in Bayern wohnen, krank werden? Der Krankenkassenbeitrag wurde ja in Thüringen bezahlt. Die Bundestagsabgeordneten dieses Zonengrenzraumes fanden zusammen mit den Krankenkassen drüben und hüben einen Ausweg: Ein Verrechnungsmodus sichert jetzt auch die ärztliche Betreuung im Westen.

Und doch blieb ein Problem ungelöst. Jeder westdeutsche Arbeitnehmer erhält Kindergeld. Nur diejenigen, die ihren Lebensunterhalt jenseits der Zonengrenze verdienen müssen, gingen bisher leer aus. Auch hier wird Abhilfe geschaffen. In einer Verordnung zum Kindergeldanpassungsgesetz wurde ausdrücklich verfügt: Auch die Arbeitnehmer der Bundesrepublik, die in der Zone ihrer Beschäftigung nachgehen, sind Kindergeldempfänger, und zwar rückwirkend ab 1. Januar 1955. – Die Gesamtbevölkerung des Grenzgebietes atmete erleichtert auf über soviel Vernunft.