Von W.-O. Reichelt

Es ist mehr als verständlich, daß die nun seit fast einem Jahrzehnt anhaltenden Sorgen und Nöte rund um die Kohle nicht nur die Wirtschaftspublizistik, sondern auch eine breitere Öffentlichkeit verdrießlich stimmen. Selbst bei den jüngsten Lohnstreitigkeiten erklärten namhafte Vertreter von Eisen und Metall, daß sie sich längst mit den Gewerkschaften über deren Lohnforderungen geeinigt hätten, "wenn man nicht auf die verflixte Kohle Rücksicht nehmen müßte". Diese Worte aber, die wir mehrmals gehört haben, sind so ungeheuerlich, daß sie uns zum ernstesten Widerspruch herausfordern. Es ist nicht die Schuld des Bergbaues, daß er zu einem politischen Objekt herabgewürdigt worden ist. Da aber nun einmal jenes Faktum besteht, muß es auch in die ökonomischen Berechnungen der übrigen Industrien einbezogen werden. Dabei ist es nicht sehr glücklich, daß die Bundesrepublik die Preis-Erbschaft der alliierten Kohle-Kontrollbehörden ziemlich bedenkenlos mitübernommen hat. Was sich die Internationale Ruhrbehörde mit den niedrigen Zwangspreisen für die deutsche Kohle kraft ihrer Bajonette noch hatte leisten können, sollte in der Bundesrepublik 1955 kraft besserer Einsicht geändert werden. Sicherlich sind niedrige Kohlenpreise eine erstrebenswerte und vorzügliche Angelegenheit für alle übrigen kohleverbrauchenden Wirtschaftszweige. Wir haben auch Verständnis dafür, daß der Bundeswirtschaftsminister den von der Höhen Behörde festgesetzten Zwangspreis für deutsche Kohle – der niedrigste Kohlenpreis in der Montan-Union! – nicht gern weiter erhöhen möchte. Wir sehen aber nicht ein, daß andererseits der Bundesfinanzminister die Kohle genau so lustig und hoch besteuert wie ein lukratives Warenhausunternehmen oder ein florierendes Werk des Großmaschinenbaues. Im Grunde genommen liegt nämlich hier die Quelle all der Sorgen, die der Bergbau der Öffentlichkeit immer wieder bereitet.

Mehr als 50 v. H. des Ab-Zechen-Preises der Kohle bestehen aus Arbeitskosten, also aus Löhnen, Sozialabgaben und entsprechenden Aufwendungen. Jede Lohnerhöhung wirkt sich im Preis also ganz anders aus als in anderen Industrien, bei der die Lohnkostenanteile am Preis zwischen 5 und 28 v. H. schwanken. Wenn nun nach der neuen Lohnerhöhung bei Eisen und Stahl der Bergbau seinerseits umgehend die Schichtlöhne seiner Untertagebelegschaften und in gewissem Umfange auch der Übertagebeschäftigten erhöhen muß, so ist das nicht mehr aus den heutigen Preisen zu machen.

Schon im Frühjahr hatte Bundeswirtschaftsminister Erhard dem Bergbau große Hilfsversprechen gegeben. Aber seine Frühlingsmusik vom April 1955 hat er beim Kollegen Schäffer erst im Oktober zur Uraufführung gebracht. Jetzt zwingt die Lohnentwicklung bei Stahl zu einem großzügigen und schnellen Finanzgesetz für die Kohle. Gleichgültig, wie die künftige Handhabung der fiskalischen Belastungen des Bergbaues aussehen wird – ob die Umsatzsteuer von 4 auf 1,5 v. H. gesenkt, der Lastenausgleich geändert oder die Abschreibungsmöglichkeiten beträchtlich erhöht werden – der Staa: muß sich seine Politik des niedrigen Kohlenpreise; etwas kosten lassen.

Nun gibt es Stimmen, die erklären: man sollte die Kohle sozialisieren, dann wäre man den ganzen Schlamassel los und der Staat müßte dann sehen, wie er zurechtkäme mit Löhnen, Preisen und seiner Politik der billigen Kohle. Man sagt weiterhin, im übrigen lohne es sich gar nicht mehr, für den Bergbau viel zu opfern; dieser behaupte sowieso von sich, er wäre chronisch unrentabel und lebe seit einem Jahrzehnt von der Substanz.

Diese Argumente vereinfachen die wirtschaftlichen Zusammenhänge und Relationen derart, daß sie der Vorstellung des kleinen Moritz über die Wirtschaft entsprechen. Wer glaubt, sich durch Sozialisierung Ärgernisse vom Hals halten zu können, sollte in der fast vollsozialisierten sowjetzonalen Wirtschaft ein Jahr lang praktizieren. Vor allen ist bei jenem Argument die Behauptung falsch, der Bergbau sei in seiner Unternehmerstruktur krank und nicht in der Lage, privatwirtschaftlich gesund zu arbeiten.

Zwar haben die ständigen Krokodilstränen, de viele Bergbaugesellschaften bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit vor sich selbst vergießen, stark dazu beigetragen, daß der Bergbau in der öffentlichen Meinung (und am Kapitalmarkt ein schlechtes Klima hat. Erfreulicherweise hat jetzt aber de volkswirtschaftliche Abteilung des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau einmal eine Zusammenstellung aus den bisher veröffentlichten Bilanzen der Kohle-Aktiengesellschaften erarbeitet und veröffentlicht, deren Ergebnisse erstaunlich positiv sind. Erfaßt wurden in dieser Arbeit bisher 26 Bergbauunternehmen für die Jahre 1953 und 1951, die zusammen rund 55 v. H. der Förderung des Ruhrreviers ausmachen. In dieser Zusammenstellung fehlen u. a. noch die erst jüngst veröffentlichten Zahlen der GBAG, von Hannover-Hannibal, von Ewald-König Ludwig, Königsborn-Werne, Klöckner-Ickern, der Rheinstahl-Zeche Arenberg, der Thyssen-Zeche Walsum und einiger Gewerkschaften. Dennoch werden die Ergebnisse als durchaus repräsentativ angesehen.