-de, München

Als am 22.Oktober 1955 der Staatssekretär a. D. Andreas Grieser zu Grabe getragen wurde, verlor Fräulein Anna Bertha Ossowska aus Prien am Chiemsee ihren wichtigsten Kronzeugen. Sie ist heute 63 Jahre alt, und seit einem halben Jahrhundert kämpft sie um eine Erbschaft, die der bayerische Staat ihr noch immer schuldet.

Es begann am 4. März 1898 in New York, als ihre Tante, die Pianistin Anna Ossowska, ihr fünfzig Aktien der Standard Oil Company mit einem Nennwert von 6180 Dollar vermachte. Es dauerte bis 1904, bis die Erbschaft – mit den Dividenden war sie damals bereits 80 000 Mark wert – nach München gelangte, und da sie erst ausgehändigt werden sollte, sobald Anna Bertha das vierzehnte Jahr erreichte, setzte der bayerische Staat einen Treuhänder ein. Das war der königlichbayerische Amtsrichter Grieser.

Grieser hatte bis dahin nur wenig von Aktien gehört und von Standard Oil in den Vereinigten Staaten vermutlich gar nichts. Als er zufällig Ungünstiges über die Gesellschaft in der Zeitung las, wandte er sich, vielleicht ein wenig benommen von der Schwere seiner Pflicht, an die Bayerische Staatsbank um Rat, und die meinte, "es sei dürfte rätlich erscheinen, den hohen Kurswert auszunutzen und die shares zu verkaufen, zumal eine Kontrolle des amerikanischen Unternehmens sowieso äußerst schwierig sein dürfte". Gesagt, getan. Daß die Staatsbank bei dem Umtausch in 3 1/2prozentige Schuldverschreibungen des Königreichs Bayern im Laufe der Zeit ein gutes Geschäft machte, das nur nebenbei. Mutter Ossowska allerdings war, wie es scheint, schon ein wenig mehr in die Geheimnisse des Kapitalismus eingedrungen. Es war ihr klar, was es bedeutete, daß Standard Oil damals bereits 44 v. H. Dividenden ausschüttete. Sie protestierte gegen den Umtausch, aber der königlich-bayerische Beamte wies sie ab, erzürnt über den Unverstand der "Weiberleut", die da glaubten, Staatspapiere seien weniger gut als ausländische shares. Und damit begann der Kampf der Ossowska um ihr Recht, der bis heute nicht beendet ist. Die Familie beantragte ein Disziplinarstrafverfahren gegen Grieser. Beschwerden, Eingaben, Gesuche, Anzeigen und Anträge folgten. Bis der erste Weltkrieg wegen "Arbeitsüberlastung und Personalmangel" des Staates eine Gefechtspause erzwang. Reichskanzler Bethmann-Hollweg persönlich fand im Drange der Kriegsgeschäfte die Zeit, Mutter Ossowska das Verschulden des bayerischen Staates zu bestätigen. Der Krieg wurde verloren, die Inflation kam und ging vorüber, aber der bayerische Staat hielt den Fall unerschütterlich in der Schwebe.

Endlich, am 3. November 1932, wollte er sich seine, wenn auch schon lange nicht mehr königliche, bayerische Ruh’ schaffen. Anna Bertha wurde in Prien von vier bärenstarken Polizisten gepackt und in die Irrenanstalt Gabersee bei Wasserburg am Inn gesperrt. Dort hat man sie, wie sie erzählt, geprügelt und in Dunkelhaft gehalten. "Jeden Tag kam ein Arzt zu mir und nahm zwei Blutproben; er gab mir sieben Spritzen, nach denen ich mich jedesmal furchtbar übergeben mußte." Nur Kardinal Faulhaber, einem Freund des Hauses, war es zu verdanken, daß sie schließlich wieder freikam.

Es kam das Dritte Reich, und Größen wie Dr. Frank II, Ritter von Epp und Heinrich Himmler setzten sich in einer Anwandlung menschlichen Rührens für die Erledigung des Falles ein. Man zahlte Fräulein Ossowska ein Überbrückungsgeld von monatlich 300 Mark, um Zeit für die Sammlung der Akten zu gewinnen. Aber das war noch nicht gelungen, als der zweite Weltkrieg ausbrach. 1940 starb Mutter Ossowska, Deutschland brach zusammen, die Besatzung kam. Unverzagt nahm Fräulein Ossowska, nunmehr allein, den Kampf von neuem auf. Sie, die reiche Erbin, lebte in Armut. Die Behörden ersuchten um Geduld; einen Tag vor der Währungsreform übersandte Ministerpräsident Ehard 1000 Reichsmark aus einem Sonderfonds, aber zu einer Entscheidung fand der bayerische Staat noch immer keine Zeit.

Statt dessen versuchte er es noch einmal auf andere Weise. Einen Tag vor Weihnachten 1951 stellte der Staatsanwalt den Antrag, Fräulein Ossowska zu entmündigen. Aber es fand sich gottlob ein Richter, Dr. Hirsch aus Rosenheim, der sie für völlig normal erklärte. Er allerdings ist heute pensioniert, und sein Personalakt enthält die bemerkenswerte Notiz, er habe im Fall Ossowska eine "wenig glückliche" Hand gezeigt. Das bezieht sich vielleicht darauf, daß er ihr bestätigte, "ihre Ansprüche gegen den bayerischen Staat seien berechtigt, und es sei ihr gutes Recht, sie zu verfolgen".

Der bayerische Staat ist langlebig, und vielleicht vertraut er darauf, er werde auch Fräulein Ossowska überdauern. Mag sein, daß dies für die Behörden eine befriedigende Erledigung der leidigen Sache wäre. Aber es geht um etwas Grundsätzliches. Es wird Zeit, daß Beamte lernen, Diener des Staatsbürgers zu sein – jedes einzelnen von uns, die wir sie anstellen und bezahlen; sie sollen lernen, daß es ihre Pflicht ist, auch dem machtlosen, hinter dem kein politischer Druck steht, rasch zu seinem Recht zu verhelfen. Es wäre zu wünschen, daß die bayerische Öffentlichkeit in diesem unglaublichen Fall, jetzt, da er zu ihrer Kenntnis gekommen ist, weniger Geduld zeigt als Anna Bertha Ossowska aus dem kleinen Ort Prien am Chiemsee.