B. P., Stockholm, Anfang November

Die schwedische Wirtschaft läuft nach wie vor auf vollen Touren. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie als Ganzes nicht mehr in dem Tempo wachsen kann, wie sie gern möchte. Die "Olympier" der schwedischen Reichsbank haben vor Monaten beschlossen, das Geld etwas weniger reichlich herabregnen zu lassen. Die Dürre auf dem Kapitalmarkt wird ständig fühlbarer. Überall hat man neue "Regentonnen" aufgestellt, um das Sparkapital aufzufangen, ehe es zu Verbrauchswaren verdunstet. Man lockt mit Sonderprämien, die Aktiengesellschaften laden ihre Aktionäre zu vorteilhaften Neuzeichnungen ein, die Versicherungsgesellschaften locken mit ermäßigten Prämien. Aber etwas gestoppt wurde die Triebkraft der Wirtschaft doch. Vor allem werden weniger Wohnungen gebaut als im Vorjahre.

Außerdem hat es in diesem Sommer tatsächlich zu wenig geregnet, und die großen Kraftwerke in Norrland, die ihren Strom mit der Weltrekordspannung von 380 000 Volt weit über 1000 Kilometer nach dem Süden des Landes leiten, klagen über Wassermangel. Das bedeutet zu wenig Energie. Der Strom muß rationiert werden. Zunächst bekommt das staatliche Eisenwerk in Luleå etwa ein Viertel weniger und wird den Winter über einen seiner großen Schmelzöfen stillegen. Neue unterirdische Dampfkraftwerke sind teils im Bau, teils in Auftrag gegeben. Aber Kohle ist heute, nachdem England weitere Lieferungen an Schweden abgelehnt hat, auch ein Engpaß, und Koks erst recht, wie die ausgebliebenen westdeutschen Lieferungen beweisen. Heizöl tritt jetzt in den Vordergrund.

Auch im Güterverkehr geht nicht alles so, wie die Wirtschaft es gern möchte. Zwar ist man mit der Entwicklung des Kontinentalverkehrs über Saßnitz sehr zufrieden – aber den schwedischen Staatsbahnen fehlen Güterwagen. Das hat Verzögerungen von ein bis zwei Wochen zur Folge und zwingt zur teilweisen Abwanderung der Güter auf Lastkraftwagen oder, wo es möglich ist, zum Schiffsverkehr.

Der schwierigste Engpaß für die schwedische Wirtschaft ist aber der Mangel an Fachkräften auf sehr vielen – man möchte sagen, fast allen – Gebieten. Automatisierung der Produktion wird deshalb ganz groß geschrieben. Aber auch zur Umstellung auf den möglichst vollautomatischen Betrieb gehören nicht nur Kapitalien für neue Maschinen, sondern auch Arbeitskräfte, vor allem Facharbeiter und Techniker. An beiden herrscht Mangel. Es heißt, daß in Schweden etwa 1500 Ingenieure fehlen. Auch hier kann also die Entwicklung keineswegs so rasch durchgeführt werden, wie man möchte. Der Mangel an Arbeitskräften ist für ein Land mit Vollbeschäftigung etwas Chronisches. Hätte man in Schweden Arbeitskräfte genug, so brauchte man die Bauwirtschaft nicht zu rationieren. So aber ist man gezwungen, sich mit der Wohnungsnot abzufinden; denn sonst würde der hohe Löhne zahlende Baumarkt der lebenswichtigen Exportindustrie zu viele Arbeitskräfte entziehen: der Holzindustrie also. Aber auch im Wald fehlt es an ausgebildeten Fachleuten...