G. Z., Karlsruhe

In diesen Tagen ist wieder einmal ein reger Pendelverkehr zwischen dem Bundesgerichtshof und Karlsruhes Riefstahlstraße Nummer 9. "Fahrgast" im Polizeiflitzer ist diesmal Josef Kukiolzinski, der 32jährige Sekretär der kommunistischen "Nationalen Front". Auch er lernt jetzt wie schon viele vor ihm die "Seufzerstraße der Prominenten" kennen, den Weg aus dem Untersuchungsgefängnis zur Anklagebank.

Das Viertel um die Riefstahlstraße ist Karlsruhes "beste Wohngegend". Sichere Wohlhabenheit ist dort zu Hause und der selbstzufriedene Baustil der Jahrhundertwende. Auch die Nummer 9 macht da keine Ausnahme: ein schnörkelüberladener Rundbau mit reichlich schmiedeeisernem Zierwerk vor den Fenstern. Nicht viele Menschen scheinen hier zu wohnen, denn das große breite Tor öffnet sich nicht allzuoft.

Die Bewohner der Nummer 9 sind tatsächlich meist "zu Hause". Mal einen kurzen Gang zum Landgerichtsgebäude in der Stefanienstraße oder eine schnelle Fahrt zum Bundesgerichtshof im ehemaligen Großherzoglichen Palais: Sie sehen nicht viel von Karlsruhe. Sie lernen die "Residenz des Rechts" aus einer anderen Perspektive kennen. Die kleinen Fenster der Zellen in der Haftanstalt Karlsruhe gehen auf einen weiten Hof zwischen glatten roten Gefängnismauern. Erst hier sieht man, daß die dekorative Nummer 9 in der Riefstahlstraße ein nüchterner Zweckbau ist: ein Gefängnis mitten in einem so grundsoliden Stadtteil. Deswegen mußte vor etwa 70 Jahren eine Kommission nach Petersburg fahren, um zu sehen, wie man dort mit dem Problem fertig geworden war, ein Gefängnis in einer Wohngegend zu "tarnen".

Von dieser prunkvollen Fassade nach russischem Vorbild profitieren heute die Häftlinge. Um nach außen das Gesicht zu wahren, mußten die Architekten nämlich Zugeständnisse an die Sicherheitserfordernisse und an die Zweckmäßigkeit machen. Bei einem Rundbau, dessen Zellenfenster alle nach innen gehen, ist die Verständigung von "Zimmer zu Zimmer" für die "Fachleute" überhaupt kein Problem. Und die Wachtmeister schimpfen, weil sie den ganzen Tag den Außenkreis herumlaufen müssen und trotzdem keine Übersicht haben. Mehr als ein Dutzend Zellentüren können sie von einem Standort aus nicht im Auge behalten.

Die Sache mit der leichten Verständigung von Fenster zu Fenster über den Hof ist erst jetzt so richtig zum Ärgernis der Gefängnisverwaltung geworden, seit in der Haftanstalt fast alle Untersuchungshäftlinge sitzen, die auf einen Prozeß vor dem Bundesgerichtshof warten. Bei denjenigen, die wegen Hochverrats- oder Landesverrats angeklagt sind, ist das Bedürfnis, sich vor dem Zusammentreffen auf der Anklagebank noch einmal richtig "auszusprechen" – besser vielleicht "abzusprechen" – besonders stark. Aber gerade an dieser "Fensterkonversation" ist der Bundesanwaltschaft gar nicht gelegen. Deshalb wurden vor den Fenstern einiger "reservierter Zimmer" dicke Drahtglaskästen angebracht. "Licht, Luft und Sonne" kommen trotzdem in die Zellen, aber die "Sprechverbindung" ist zerschnitten.

Die Karlsruher Haftanstalt begann eine "besondere Note" zu bekommen, als Josef Goebbels ehemaliger Staatssekretär Naumann mit seinen Anhängern in der Riefstahlstraße einzog. Seine Chefin Thea Lucht – "Export-Import" in Düsseldorf – war damals während der Besuchszeiten ständiger Gast und kämpfte wie eine Löwin um die Aufhebung des Haftbefehls. "Der hat Naumann viel zu verdanken", wollen Justizbeamte wissen.