Zinns Gewerkschaftsrede

Es werde zu einer der elementarsten Aufgaben einer künftigen deutschen Nationalversammlung gehören, die Stellung der Gewerkschaften in der Verfassung zu regeln, erklärte der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn in einer Festrede zum zehnjährigen Bestehen des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Es sei ein politischer und staatsrechtlicher Fehler, daß die Eingaben der Gewerkschaften an die gesetzgebenden Körperschaften nicht anders behandelt werden als Eingaben von beliebigen Einzelpersonen oder privaten Vereinen.

Woher nahm der innerhalb seiner Partei als gemäßigt geltende Dr. Zinn den Mut, die Gewerkschaften auf solche Weise in eine Stellung zu nötigen, die sie endgültig zu einem "Staat im Staate" machen würde? Vielleicht würde die Antwort auf diese Frage die gleiche sein, die die Herren im •Kreml kürzlich dem Bundeskanzler erteilten: "Lesen Sie bei Karl Marx nach, da steht alles drin..." Dr. Zinn hat wohl auch bei Karl Marx nachgelesen, der seine Festrede zu folgender Erkenntnis inspirierte: "Jeder gewerkschaftliche Kampf ist ein Kampf um die Menschenrechte... Die Arbeitgeber hingegen sehen solche Kämpfe nur als eine Auseinandersetzung um den Unkostenfaktor "Lohn der Unternehmungen an. Der Sinn ihrer Wirtschaftspolitik ist also ein ganz anderer: den -Unternehmergewinn, den Profit oder die Investitionsrate gegen den Unkostenfaktor Lohn zu versteidigen."

Also: den Arbeitgebern geht es nur um die Profitrate, niemals um die Kontinuität, um die Sicherung der Arbeitsplätze, niemals um das Verbraucherinteresse? Die Arbeitgeber sind Ausbeuter und Egoisten, die Arbeitnehmer allein wirken für die Gesamtheit, indem sie für ihren eigenen Lohn kämpfen? Wer nimmt solche abgestandenen, "man kann schon sagen: reaktionären Behauptungen ernst? Wäre es nicht sehr viel richtiger, man spräche in einer solchen Festrede von dem veränderten Verhältnis der Arbeitnehmer zum Arbeitgeber, von der in den letzten fünfzig Jahren gewandelten Haltung und Auffassung auch des Arbeitgebers, die nicht zuletzt der Arbeit der Gewerkschaften zu danken ist? Wäre das wirklich zu viel verlangt von einem Mann, der in seiner ersten Regierungserklärung behauptete, kein marxistischer Dogmatiker zu sein? Heinrich David