J. H., Paris, im November

In den letzten Monaten mehren sich in Frankreich Streiks und Arbeitskonflikte. Die Gewerkschaften aller Richtungen melden Lohnforderungen an und rüsten zum Kampf, obwohl sich die Kaufkraft des Arbeitslohnes im Vorjahr um 7 v. H. erhöht hat und in diesem Jahr eine weitere Erhöhung um etwa 5 v. H. erwartet wird, falls die bisherige Entwicklungstendenz andauert. Dabei blieben die Preise stabil, und es werden auch für die nächste Zukunft keine empfindlichen Preiserhöhungen erwartet. Woher kommen also die sozialen Spannungen und warum sind die französischen Arbeiter unzufrieden?

Die Löhne mögen in Frankreich relativ niedrig sein, aber insgesamt gesehen geht es dem französischen Arbeiter nicht schlecht. Zunächst einmal gibt es in Frankreich die vierzigstündige Arbeitswoche. Und wenn die durchschnittliche Arbeitszeit in der französischen Industrie etwa 44 Wochenstunden beträgt, so müssen die vier zusätzlichen Arbeitsstunden mit einem Überstundenzuschlag vergütet werden. Daß sich dies bei der Berechnung der Produktionskosten auswirkt, ist klar. Der reine Durchschnittsverdienst eines beruflich gut qualifizierten Arbeiters erreicht 30 000 bis 35 000 Francs monatlich, je nachdem, ob er in der Provinz oder in Paris arbeitet. Das sind 370 bis 430 DM.

Man bekommt indessen kein klares Bild über die Lohnentwicklung in Frankreich, wenn man nicht auch die verschiedenen Prämien, Zulagen und Sozialleistungen beachtet. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei die Familienzulagen. Sie erreichen 22 v. H. des Grundlohnes, der offiziell auf 18 250 ffrs. festgesetzt worden ist, wenn in einer Familie zwei Kinder im schulpflichtigen Alter sind. Sie erhöht sich auf 33 v. H. des Grundlohnes vom dritten Kind an für jedes weitere Kind. Dazu kommt die Prämie des Einzellohnes, wenn der Vater Alleinverdiener ist. Sie beträgt bei zwei Kindern 6900 und bei drei Kindern 8640 ffrs. je Monat. Durch die Festsetzung des Mindestlohnes ist dem Arbeitnehmer ein staatlicher Lohnschutz geboten. Die Regierung mischt sich nicht mehr in die Lohnentwicklung ein, obwohl sie diese schon durch den Umstand, daß in Frankreich der Staat der größte Unternehmer des Landes ist, in starkem Maße indirekt beeinflußt. Sie hat nur noch ein Machtmittel zur Verfügung, um bei den Lohnfestsetzungen direkt einzuwirken, indem sie jeweils das sogenannte "Minimum vital" festsetzt.

Als dieses Gesetz beschlossen wurde, befand sich Frankreich noch in der Inflation, und es ging dem Gesetzgeber darum, den Arbeitnehmer insofern zu schützen, als bei der Überschreitung eines bestimmten Punktes des Index der Lebenshaltungskosten auch der Mindestlohn erhöht werden sollte. Der betreffende Index wurde, weil sich die Preise stabilisierten, nie erreicht, aber die Regierung war durch politischen Druck gezwungen, dennoch den Mindestlohn zu erhöhen. Die letzte Erhöhung, die in diesem Jahr erfolgte, steigerte den Mindeststundenlohn von 100 auf 126 ffrs. Bei durchschnittlich 200 Arbeitsstunden erreicht das Lohnminimum damit 25 200 ffrs. im Monat. Unter diesem Lohnminimum darf kein Arbeitsvertrag abgeschlossen werden. Ungefähr 12 v. H. der Lohnempfänger beziehen dieses "Minimum vital". Am schlechtesten entlohnt sind in Frankreich die Textilarbeiter, die Arbeiter in der Glasindustrie und die Angestellten der kaufmännischen Betriebe. Ein Bankangestellter bezieht im Anfang selten mehr als 25 000 ffrs., er hat aber ein Anrecht auf das 13. Monatsgehalt. Die Facharbeiter und Angestellten, die eine verantwortliche Position bekleiden, beziehen jedoch weit höhere Löhne. Ein Bergarbeiter kommt auf durchschnittlich 50 000 ffrs., Prämien miteingerechnet, ein Postinspektor erhält 51 000, ein Lehrer 40 000, ein Chefingenieur der Bahnverwaltung bekommt sogar ein Gehalt von 250 000 bis 270 000 ffrs.

Nun befindet sich die französische Wirtschaft seit einiger Zeit in einer Periode der Konjunktur. Viele Industrien sind vollbeschäftigt, und die Gewerkschaften meinen, daß jetzt der rechte Zeitpunkt sei, um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Dabei mag auch die Konkurrenz zwischen den drei Gewerkschaften, der kommunistischen CGT., der sozialistischen "Force Ouvriere" und der christlichen Gewerkschaftszentrale, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, eine bestimmte Rolle spielen. Die französischen Industriellen verschließen sich keineswegs dem Wunsch der Arbeitnehmer nach einer Verbesserung ihrer Löhne. Aber die Situation ist in jedem Wirtschaftszweig eine andere. Dort, wo die Löhne eine große Bedeutung bei der Berechnung der Gestehungskosten haben, wirkt sich eine Lohnerhöhung automatisch auf den Produktionspreis aus. Es gelingt nur selten, diese Rückwirkung so weit abzuschwächen, daß im Preis des Fertigprodukts keine Veränderung eintritt. Da aber die Diskrepanz zwischen den französischen und den ausländischen Preisen an und für sich schon bedeutend ist und die französische Exportwirtschaft in starkem Maße hemmt, müssen die Industriellen darauf achten, ihre Produktionspreise nicht nur nicht zu erhöhen, sondern durch äußerste Berechnung der Profitmargen möglichst noch zu reduzieren, um ihr Unternehmen überhaupt am Leben zu erhalten. Dort, wo bedeutende Produktivitätserhöhungen eintreten und die Betriebe vollbeschäftigt sind, werden Lohnerhöhungen leicht gewährt.

In anderen Wirtschaftszweigen herrscht indessen eine bedeutende Stagnation, wie etwa in der Textilindustrie. Hier sind Lohnerhöhungen zumeist untragbar. Gerade in der letzten Zeit kam es zum Abschluß zahlreicher neuer Kollektivverträge in der chemischen Industrie, der Petrol-, der Textilindustrie und in der Pariser Metallindustrie, die den Arbeitern verschiedene Verbesserungen der Arbeitsbedingungen brachten. Indessen nahm der Präsident des französischen Industriellenverbandes, Villiers, den Abschluß dieser neuen Verträge zum Anlaß, um einerseits einen stärkeren Kontakt zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitnehmern zu verlangen und anderseits jede weitere staatliche Intervention auf die Lohnentwicklung abzulehnen. Die französischen Industriellen stehen auf dem Standpunkt, daß die Lohnfestsetzung direkt an den Produktionsertrag gebunden werden müsse. Die Mehrzahl der französischen Arbeiter beziehen Akkordlöhne. 85 v. H. der Bergarbeiter, 80 v. H. der Arbeiter der Stahlwerke, 70 v. H. der Arbeiter der metallverarbeitenden Unternehmen und fast 90 v. H. der Arbeiter der Textilindustrien schaffen im Akkord. Aber manche dieser Akkordlöhne sind nicht viel höher als der amtlich festgesetzte Mindestlohn, und der Arbeitnehmer hat, da ihm der Mindestlohn ja garantiert ist, keineswegs ein besonderes Interesse, den Produktionsertrag des Unternehmers zu steigern.