L. N., Stade

Eine volle Woche lang versuchte ein Schwurgericht in Stade, jene haarsträubenden Vorgänge aufzuklären, die sich von August bis November vorigen Jahres in dem Zevener Kinderheim "Haus in der Sonne" abgespielt haben. Auf der Anklagebank saß der 34jährige Herbert Porazinski; auf der Zeugenliste standen 36 Namen. Angeklagt wurde Porazinski wegen Mordes an dem sechsjährigen Hans Peter Hellmannscheck sowie wegen zahlreicher Sittlichkeitsdelikte, begangen an den ihm anvertrauten Zöglingen. Dieser Fall steht in der Geschichte der deutschen Nachkriegskriminalität ohne Beispiel da; und zwei Fragen sind dabei zu klären: Was ist eigentlich in Zeven vorgefallen? Und wie konnte so etwas überhaupt geschehen?

Im "Haus in der Sonne" wurde am 8. August 1954 der Angeklagte Porazinski als Jugenderzieher von der Heimleiterin Frau Anna Jürgens eingestellt. Er hatte sich mit einem recht kuriosen Schreiben um diesen Posten beworben, in dem es hieß: "In der Jugenderziehung bin ich ein alter Praktiker. ... Ich habe nur ein paar Fehler: ich bin ein unverbesserlicher Idealist und ein gläubiger Christ."

Mit Porazinski zog eine neue "Ordnung" in das "Haus in der Sonne" ein. Sechsjährige Kinder ließ der neue "Erzieher" bis zum Umfallen Boxkämpfe um die "Heimmeisterschaft" austragen. An den älteren Jungen verging er sich in furchtbarer Weise. Seine spezielle Aufmerksamkeit galt dem kleinen Hans Peter Hellmannscheck, einem vaterlosen Kinde, das seiner Mutter wegen ihres liederlichen Lebenswandels entzogen worden war. Porazinski will an dem Kind "frühpubertäre Erscheinungen" festgestellt haben; um diese zu "bekämpfen", hat er das Kind in einem satanischen Martyrium buchstäblich zu Tode gepeinigt. Er band den Jungen nachts an die Bettumrandung, ließ ihm "Hordenkeile" verabreichen und folterte ihn mit "Wasserkuren". Schließlich schleppte er zusammen mit zwei größeren Schülern den Jungen in den Wald, legte ihm eine Schlinge um den Hals und erklärte dem weinenden Kind, daß es jetzt aufgehängt würde. Zuvor müsse es sich noch sein Grab schaufeln. In seiner Todesangst rannte der Kleine gegen einen Baum und verletzte sich schwer. "Schocktherapie" nannte Porazinski diese Abscheulichkeiten vor Gericht. Am nächsten Tag schlug Porazinski das Kind mit einem derben Wäscheknüppel derart, daß es bewußtlos zusammenbrach und kurz danach starb. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab Hirnblutung als Todesursache.

Aber auch mit den anderen Kindern entwickelte er eine seltsame "Pädagogik". Er führte ein "Kinderehrengericht" ein und veranstaltete merkwürdige Rituale wie "Neulingsprobe", "Mutprobe", "Wölflingsprobe" oder "Schweigeübungen". Die Schweigeübungen sollten, so erklärt er dem Gericht, die Magennerven beruhigen. Diese Beispiele aus seinem Sammelsurium an wirren Gedanken und perversen Bedürfnissen ließen sich noch beliebig vermehren.

Im Schwurgerichtssaal zu Stade wurde die Öffentlichkeit bereits zehn Minuten nach dem Beginn der Verhandlung ausgeschlossen; "wegen Gefährdung der Sittlichkeit", wie es heißt. Aber hier war keineswegs die Sittlichkeit allein gefährdet. Hier war das Vertrauen gefährdet, das man in die Aufsichtsorgane des Staates setzen muß. Denn wenn der Prozeß auch klärte, was im "Haus in der Sonne" geschehen ist, wurde bisher nicht geklärt, wie es geschehen konnte.

Wie kam Porazinski als Erzieher in das Kinderheim, dieser Sittlichkeitsverbrecher, über dessen Vorleben dicke Aktenstapel Auskunft geben? Addiert man seine Vorstrafen, so ergibt das fast sieben Jahre Zuchthaus und Gefängnis. Fünfmal wurde er wegen schwerer Sittlichkeitsdelikte an Jugendliche bereits bestraft. Mit 17 Jahren ist er schon für 18 Monate ins Gefängnis gewandert. Und sein "erzieherisches Wissen"? Auf der Schule hat er es gerade bis zur Obertertia geschafft; weiter hat er nichts gelernt. Er erzählt, er hätte sich bei dem Arbeitsamt in Konstanz in einer Eignungsprüfung testen lassen, und dort habe man ihn auch für den Erzieherberuf als besonders geeignet befunden und vermittelt. Nachdem er im Saargebiet eine reichlich undurchsichtige Rolle gespielt hatte, kam er in das Zevener Heim, wo unter den 48 Zöglingen viele vom Jugendamt eingewiesene Kinder waren, die eine liebevolle und fachgerechte Erziehung brauchten. Fest steht, daß die Heimleiterin, Frau Jürgens, ihn einstellte, ohne daß er einen Lebenslauf, irgendwelche Zeugnisse oder irgendeine Legitimation verzuweisen brauchte. Weder die Heimleitung noch das Kreisjugendamt sind auf den Gedanken gekommen, Aufklärung über seine Vorbildung und sein Vorleben zu verlangen.