w. l., Weiden

Im Schwurgerichtssaal in Weiden in der Oberpfalz waren bei der öffentlichen Verhandlung gegen den SS-Obersturmbannführer Dr. Hermann Fischer Tonbandgeräte des Bayrischen Rundfunks aufgestellt. Fischer, ein ehemaliger KZ-Arzt des Lagers Flossenburg, war des Verbrechens der Beihilfe zu vierzig Morden angeklagt. Er soll drei Häftlinge veranlaßt haben, kranke und arbeitsunfähige Kameraden durch hochprozentige Novocain- oder Phenolspritzen zu töten. Der Staatsanwalt beantragte sechs Jahre Zuchthaus und zwei Jahre Ehrverlust. Als der Richter dem Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Alfred Seidl, das Wort erteilte, protestierte dieser gegen die Tonbandgeräte und legte sein Mandat nieder.

Seidl hat sich durch die Art der Verteidigung Huppenkothens in Augsburg bekannt gemacht, und auf diesen Prozeß scheint auch seine Abneigung gegen Tonbandgeräte zurückzugehen. Damals rief der kleine, wendige Mann mit erhobener Stimme in den Gerichtssaal: "Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Tätigkeit des deutschen Widerstandes überhaupt erst den zweiten Weltkrieg ausgelöst hat!" Das war eine Äußerung, die durch die Art von Seidls Tätigkeit in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen einen ganz besonderen Beigeschmack erhielt. Die Öffentlichkeit horchte auf. Der Rundfunk, der die Verhandlung aufnahm, sendete den Satz später noch einmal. Scharfe Angriffe wurden gegen die Äußerung erhoben, und Seidl war bestürzt – nicht darüber allerdings, daß ihm ein so enthüllender Satz entfahren war, sondern darüber, daß der Rundfunk ihn an die Öffentlichkeit brachte. Es sei keine Gewähr dafür gegeben, so erklärte er jetzt, daß die Bandaufnahmen nicht einer "tendenziösen Berichterstattung" dienen würde, eine solche sei die Sendung seines eigenen Ausspruchs gewesen, und daher machte er Rundfunk und Presse dafür verantwortlich, daß er "vielen höchst unqualifizierten Angriffen" ausgesetzt worden sei.

Dr. Seidl wünschte, daß man den Rundfunkreporter von der Verhandlung ausschließe. Er betrachtet Übertragungen, insbesondere aus dem Zusammenhang gelöster Teile des Plädoyers, als eine "Beschränkung der Verteidigung und der Rechte des Angeklagten". Der Reporter aber weigerte sich, wie begreiflich, auf die Sendung zu verzichten. Es ist klar, daß ein solcher erzwungener Verzicht ein untragbarer Eingriff in die Presse- und Rundfunkfreiheit und in das Recht der Öffentlichkeit, über öffentliche Verhandlungen unterrichtet zu werden, darstellen würde. Der nächste Schritt wäre vielleicht der Ausschluß der Presse überhaupt. Diese Gefahr sah auch das Gericht. Es erkannte die Begründung dafür, daß Seidl sein Mandat niederlegte, nicht an, sondern setzte die Verhandlung so lange aus, bis geklärt ist, ob Dr. Seidl die Verteidigung weiterführt, ob der Angeklagte einen anderen benennt oder das Gericht einen Pflichtverteidiger bestellen muß.