Vom Revolutionär zum Souverän

Paul Hindemith wurde 60 Jahre alt

Von Walter Abendroth

Wenn vor dreißig Jahren von "Neuer Musik" die Rede war, wurde kaum ein anderer Name mit soviel Nachdruck genannt wie: Paul Hindemith. Dieser Name war damals geradezu eine Parole, ein Schlachtruf, eine Fanfare, deren Ertönen alles zusammenrief und auf die Barrikaden trieb, was sich jung und umsturzfreudig fühlte. Es war die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in dem so viel alter Plunder verbrannt war; die Zeit, in der überall Fensterlöcher in das Mauerwerk der überlieferten Dinge gesprengt wurden, um frische Luft und neues Licht hereinzulassen. Die Zeit, in der noch echter Revolutionsgeist wehte; eine Zeit des Überschusses an bislang ungenutzten Kräften – sehr im Gegensatz zu dem müden Snobismus, der heute in das permanente Experiment geflüchtet ist und von der Technik alles erhofft, was die Kunst nicht mehr hergeben zu wollen scheint. Das große Aufräumen von damals ging vielmehr mit bemerkenswertem Elan und nicht geringer jugendlicher Frechheit vor sich. Und einer der Frechsten, vielleicht der Frechste, war Paul Hindemith.

Es gab ja auch in jenen Jahren noch ein wirkliches Objekt der musikalischen Revolution, mit welchem aufzuräumen war: den schlechten Geschmack, die schlechte Gesinnung der in ihrem allzu hohen Alter spießbürgerlich gewordenen Romantik; einer Privatromantik ohne Legitimation, jenen Ungeist vager Gefühlsduselei, genießerischer Stimmungsmache, dem beispielsweise die Pseudoform der "Symphonischen Dichtung" entsprungen war. Jenen üppigen Kult des "poetischen Ausdrucks" um jeden Preis, den die Klangschwelgerei ersetzen mußte, was so oft an gekonntem Handwerk, an Struktur und Architektur durchaus nicht vorhanden war. In diese absterbende Welt sybaritischer Kunstauffassung trat Hindemith als der gänzlich andere Typ: ein uriger Musikant, ein "Handwerker" durch und durch, ein Mann des nüchternen Fleißes, ein beispielhafter Vertreter der künstlerischen Arbeit. Schon die bloße äußere Masse seines Schaffens stellt ihn den Meistern früherer Jahrhunderte an die Seite, die noch aus dem Vollen einer selbstverständlichen, universellen Fach- und Sachbeherrschung schöpften, und die von den großen, schönen, pathetischen Redensarten – einem wesentlichen Inhalt des abgesunkenen, romantischen "Künstlertums" – noch nichts wußten, wie Hindemith nichts mehr von ihnen wissen wollte.

Zugegeben: die Art, wie der seiner gesunden Kraft bewußte Musikrevolutionär damals mit ehrwürdig gewordenen Begriffen umsprang, wie er sich in der Provokation, im bewußten Eklat, selbst in gelegentlicher Blasphemie gefiel, das machte vielen, besonneneren Zeitgenossen, denen sein eminentes Talent unzweifelhaft war, die Anerkennung schwer. Um so bedingungsloser fiel ihm der Beifall der Unbedarften und Naiven zu, der gewohnheitsmäßigen Mitläufer jeder Revolte, die sich vornehmlich an der negativen Seite der Umwälzung berauschen: am Niederreißen, am Verhöhnen, am Sturz der alten Throne und Altäre. Es sind dies die neuerdings besonders weit verbreiteten Herolde der permanenten Revolution. Ihnen kommt es viel mehr darauf an, daß immerfort und immer wieder verneint wird, als daß sie zu sagen wüßtei, auf welches "Ja" ihr unablässiges Revolutionieren eigentlich hinzielt, wohin zu streben, kurz, was sie am Ende wollen. Wo nicht mehr Bestelendes grundsätzlich in Frage gestellt wird, wo Fundamente gelten gelassen werden, wo man nicht mehr sprengt, sondern baut, da sehen sie den Fortschritt verraten, da wenden sie sich mit Geringschätzung ab. Und weil in unseren Tagen diese Propagandisten der permanenten Revolution im hohen Rate der Kulturkritik ihren festen Sitz und ihre gewichtige Stimme haben, so ist es nicht verwunderlich, daß, wenn heute von "Neuer Musik" die Rede ist, der Name Paul Hindemith nur noch zögernd und weit weniger laut als ehemals zitiert wird. Denn einer großen Partei von Musiktheoretikern gilt er als "zahm" geworden, als gleichsam vorzeitig gealtert, möglicherweise aber auch als ärgerniserregender Renegat. Warum? Nicht etwa, weil seine späteren Werke – rein vom schöpferischen Rang her gesehen – nicht gehalten hätten, was die frühen versprachen. Sondern im Gegenteil: weil die Entwicklung seiner Produktivität in erstaunlicher Geradlinigkeit verlaufen ist; oder vielmehr: weil diese Produktivität sich eigentlich nicht so sehr im Sinne überraschender Wandlungen "entwickelt", sondern im Sinne eines ganz organischen Wachstums entfaltet hat. "Überraschend" und als unerwartete Wandlung erschien es nur jenen gewissen, einstmaligen Mitläufern, daß eben eines Tages der jugendliche Tumult, das jungenhafte Kraftmeiertum ein Ende hatte und dem Zustande menschlicher Reife Platz machte (die Zäsur lag ungefähr bei dem Oratorium "Das Unaufhörliche" und der Mathis-Oper – also vor dem Erlebnis der Diffamieiung und der Emigration, so daß auch bei diesem Reifeprozeß quasi-romantische Gemütsmotive keine entscheidende Rolle spielten). Das gerade, dieses "Reifen", war freilich das Verdrießliche an der Sache. Denn Reife, künstlerische und menschliche, ist ein durchaus un-, ja antirevolutionärer Beg-iff. Er ist zu eng dem Organischen verbunden, um sich mit dem Organisierten zu vertragen. Er entzieht dem Prinzip der permanenten Verneinung den geistigen Boden.

Fort von der Unreife

Von diesem einen Punkt abgesehen (nämlich von der an sich so natürlichen Tatsache, daß aus dem hitzigen Revolutionshelden einmal ein kühler, klarer Kopf, ein legitimer Souverän seines Fachs hervorgegangen war), hat weder Hindemiths musikalische Grundrichtung noch seine künstlerische Gesinnung jemals eine Änderung erfahren. In einer tieferen Bewußtseinsschicht auch des jungen Radikalisten waren schon dieselben Motive wirksam, die als abgeklärte Erkenntnis am Schluß des Hamburger Bach-Vortrags von 1950 wieder aufgerufen wurden:

Vom Revolutionär zum Souverän

"Im begrenzten Gebiete unseres Musikgenießens, das ja bei aller eigenen Schönheit, die es bietet, auch nur das Sinnbild unseres gesamten Aufnehmens und Verarbeitung irdischer Erfahrungen ist, bedeutet das Erkennen des Gipfels, daß wir keine klingende Form mehr in uns aufnehmen können, ohne sie an den Werten zu messen, die uns Bach gezeigt hat. Das Äußere der Musik, der Klang, schrumpft dann zur Nichtigkeit."

Allerdings, wie es nun weiter im Text geht, das zeigt, wie weit der Mensch Hindemith sich inzwischen von der Unbekümmertheit seiner eigenen Jugend und von dem Zeitideal der ewigen Unfertigkeit, der grundsätzlichen Unreife – entfernt hat:

"War er" (der äußere Klang) "ursprünglich das, was uns zur Musik lockte, was uns allein Befriedigung zu verschaffen schien, so ist er nun nur noch Gefäß für das Wichtigere, unser Besserwerden. Ein solches Besserwerden wird uns unduldsam machen gegen mindere Musik, gegen Geklingel, gegen Fahrlässiges und Nichtgekonntes. Es wird uns aber auch aufschließen für Musik, die uns noch unbekannte Symbole benutzt, die in fremde Klänge gehüllt ist, die wir erst mühsam erlernen müssen."

Die Demut des Meisters

Besonders aus diesen letzten Worten spricht die Demut des echten Meisters: der Respekt, den er den noch ungeklärten Möglichkeiten entgegenbringt, auch denen, die er selbst vielleicht nicht mehr besitzen wird. Dieser Musiker, der seiner Kunst nunmehr auch die Tiefendimensionen menschlicher Werthaftigkeit erschlossen hat, steht so innerlich sicher in seinem geschichtlichen Auftrag, daß er es nicht mehr nötig hat, aggressiv zu sein, daß er das Verneinende überhaupt weit hinter sich lassen darf. Man wird nicht verkennen können, wie isoliert in der Gegenwart eine solche Erscheinung steht. Vielleicht ist das das Großartigste an einem "in die Jahre kommenden" Künstler: wenn er einmal der Inbegriff des Modernen und sogar des Modischen in seiner Kunst gewesen ist, sich dann aber, je länger desto mehr, vor dieser Qualifikation fort zu der ganz anderen eines in sich selbst beruhenden Wertes bewegt hat und jetzt imstande ist, seiner Leistung gewiß, gelassen lächelnd das Geflüster hinter seinem Rücken anzuhören, wie er doch gar nicht mehr so recht zur "Avantgarde" gehöre ...

Paul Hindemith ist dabei auch insofern sich selbst gleich geblieben, als es wahrscheinlich dieselben Gründe sind, die ihn am Anfang seiner Laufbahn so ungebärdig-angriffslustig machten und die heute eine merkliche Scheidewand zwischen ihm und gewissen neuesten Tendenzen der Musik errichten. Seinem Ohr werden die mancherlei schauerlichen Romantizismen nicht entgangen sein, die unter der trügerischen Oberfläche scheinbarer mathematischer Sachlichkeit, scheinbarer Konstruktivität oder wirklicher, totaler Technisierung herumspuken und die Musik als künstlerischen Organismus ebenso bedrohen wie als ethischen Faktor, in dem sie schließlich nur noch den bloßen Klang und seine Magie übriglassen.

Die Sonderstellung, welche Hindemith im zeitgenössischen Musikleben dadurch einnimmt, daß zwar niemand ihm die höhere Aktualität seines Schaffens bestreiten kann, niemand aber auch ignorieren, was ihn von dem hektischen Experimentierbetrieb der Gegenwart trennt (von außen gesehen: schon sein ursolides, unspekulatives Handwerkertum) – diese Sonderstellung bedeutet viel mehr als die Frage, wieweit das Gewicht seines Werkes der in ihrer Mehrheit ja unentwegt dem neunzehnten Jahrhundert verschrieben gebliebenen Allgemeinheit der "Musikfreunde" bereits voll bewußt worden ist. Die weitere Frage: was aus der gewaltigen Menge seiner Kompositionen einmal in der Zukunft Geltung behalten werde, ist vollends nahezu uninteressant. Diese Frage stößt auf die erhabene Gleichgültigkeit, mit der auch die Natur, eben auf Grund ihres Überreichtums, dem Künftigen gegenüber steht. Zu wünschen wäre allerdings speziell dem pädagogischen oeuvre des Meisters (worunter zumal die Gebrauchsliteratur für Schul- und Jugendmusikpraxis zu verstehen ist) eine planmäßigere Auswertung in der musikalischen Laienerziehung. Jedenfalls aber hat eine Leistungsfülle, wie sie der sechzigjährige Hindemith aufzuweisen hat, unter allen Umständen etwas Verpflichtendes für Mit- und Nachwelt. Verpflichtend vor allem scheint die geistige Haltung eines Künstlers, der sich seinerseits so intensiv verpflichtet fühlt, wie es in dem erwähnten Bach-Vortrag zum Ausdruck kommt; am schönsten in den Worten:

Vom Revolutionär zum Souverän

"Ist es einer Musik gelungen, uns in unserem ganzen Wesen nach dem Edlen auszurichten, so hat sie das Beste getan. Hat ein Komponist seine Musik so weit bezwungen, daß sie dieses Beste tun konnte, so hat er das Höchste erreicht."

Es ist gewiß, daß viele von Hindemiths Werken auch diesem letzten und einfachsten Anspruch gerecht werden.