"Im begrenzten Gebiete unseres Musikgenießens, das ja bei aller eigenen Schönheit, die es bietet, auch nur das Sinnbild unseres gesamten Aufnehmens und Verarbeitung irdischer Erfahrungen ist, bedeutet das Erkennen des Gipfels, daß wir keine klingende Form mehr in uns aufnehmen können, ohne sie an den Werten zu messen, die uns Bach gezeigt hat. Das Äußere der Musik, der Klang, schrumpft dann zur Nichtigkeit."

Allerdings, wie es nun weiter im Text geht, das zeigt, wie weit der Mensch Hindemith sich inzwischen von der Unbekümmertheit seiner eigenen Jugend und von dem Zeitideal der ewigen Unfertigkeit, der grundsätzlichen Unreife – entfernt hat:

"War er" (der äußere Klang) "ursprünglich das, was uns zur Musik lockte, was uns allein Befriedigung zu verschaffen schien, so ist er nun nur noch Gefäß für das Wichtigere, unser Besserwerden. Ein solches Besserwerden wird uns unduldsam machen gegen mindere Musik, gegen Geklingel, gegen Fahrlässiges und Nichtgekonntes. Es wird uns aber auch aufschließen für Musik, die uns noch unbekannte Symbole benutzt, die in fremde Klänge gehüllt ist, die wir erst mühsam erlernen müssen."

Die Demut des Meisters

Besonders aus diesen letzten Worten spricht die Demut des echten Meisters: der Respekt, den er den noch ungeklärten Möglichkeiten entgegenbringt, auch denen, die er selbst vielleicht nicht mehr besitzen wird. Dieser Musiker, der seiner Kunst nunmehr auch die Tiefendimensionen menschlicher Werthaftigkeit erschlossen hat, steht so innerlich sicher in seinem geschichtlichen Auftrag, daß er es nicht mehr nötig hat, aggressiv zu sein, daß er das Verneinende überhaupt weit hinter sich lassen darf. Man wird nicht verkennen können, wie isoliert in der Gegenwart eine solche Erscheinung steht. Vielleicht ist das das Großartigste an einem "in die Jahre kommenden" Künstler: wenn er einmal der Inbegriff des Modernen und sogar des Modischen in seiner Kunst gewesen ist, sich dann aber, je länger desto mehr, vor dieser Qualifikation fort zu der ganz anderen eines in sich selbst beruhenden Wertes bewegt hat und jetzt imstande ist, seiner Leistung gewiß, gelassen lächelnd das Geflüster hinter seinem Rücken anzuhören, wie er doch gar nicht mehr so recht zur "Avantgarde" gehöre ...

Paul Hindemith ist dabei auch insofern sich selbst gleich geblieben, als es wahrscheinlich dieselben Gründe sind, die ihn am Anfang seiner Laufbahn so ungebärdig-angriffslustig machten und die heute eine merkliche Scheidewand zwischen ihm und gewissen neuesten Tendenzen der Musik errichten. Seinem Ohr werden die mancherlei schauerlichen Romantizismen nicht entgangen sein, die unter der trügerischen Oberfläche scheinbarer mathematischer Sachlichkeit, scheinbarer Konstruktivität oder wirklicher, totaler Technisierung herumspuken und die Musik als künstlerischen Organismus ebenso bedrohen wie als ethischen Faktor, in dem sie schließlich nur noch den bloßen Klang und seine Magie übriglassen.

Die Sonderstellung, welche Hindemith im zeitgenössischen Musikleben dadurch einnimmt, daß zwar niemand ihm die höhere Aktualität seines Schaffens bestreiten kann, niemand aber auch ignorieren, was ihn von dem hektischen Experimentierbetrieb der Gegenwart trennt (von außen gesehen: schon sein ursolides, unspekulatives Handwerkertum) – diese Sonderstellung bedeutet viel mehr als die Frage, wieweit das Gewicht seines Werkes der in ihrer Mehrheit ja unentwegt dem neunzehnten Jahrhundert verschrieben gebliebenen Allgemeinheit der "Musikfreunde" bereits voll bewußt worden ist. Die weitere Frage: was aus der gewaltigen Menge seiner Kompositionen einmal in der Zukunft Geltung behalten werde, ist vollends nahezu uninteressant. Diese Frage stößt auf die erhabene Gleichgültigkeit, mit der auch die Natur, eben auf Grund ihres Überreichtums, dem Künftigen gegenüber steht. Zu wünschen wäre allerdings speziell dem pädagogischen oeuvre des Meisters (worunter zumal die Gebrauchsliteratur für Schul- und Jugendmusikpraxis zu verstehen ist) eine planmäßigere Auswertung in der musikalischen Laienerziehung. Jedenfalls aber hat eine Leistungsfülle, wie sie der sechzigjährige Hindemith aufzuweisen hat, unter allen Umständen etwas Verpflichtendes für Mit- und Nachwelt. Verpflichtend vor allem scheint die geistige Haltung eines Künstlers, der sich seinerseits so intensiv verpflichtet fühlt, wie es in dem erwähnten Bach-Vortrag zum Ausdruck kommt; am schönsten in den Worten: