Was ist eigentlich gemeint, wenn von einem Devisenmangel (allgemein) oder (speziell) von einer Dollarknappheit ("Dollarlücke") gesprochen wird? Der Sachverhalt, um den es dabei geht, läßt sich jetzt sehr viel besser verdeutlichen, als noch vor einigen Jahren: weil nämlich mittlerweile bei uns von einer Dollarlücke "eigentlich" kaum mehr die Rede sein kann, und weil sich die Devisenknappheit – die man lange genug als eine typische Mangelerscheinung armer Volkswirtschaften anzusehen geneigt war – mittlerweile völlig in ihr Gegenteil verkehrt hat. Wir haben es also jetzt mit einer Überfülle an Devisen zu tun, und diese Entwicklung, die vor vier Jahren noch als völlig unwahrscheinlich gelten konnte, bereitet der Währungsbank sogar gewisse Sorgen ... Trotzdem aber ist das Denken in den Kategorien der "Devisenmangelpsychose" bei uns noch keineswegs ausgestorben, und deshalb rechtfertigt sich auch eine Auseinandersetzung mit diesem Problem – oder vielmehr: diesem Scheinproblem.

Daß es ein Scheinproblem ist, wird deutlich, wenn wir uns einmal einen Zustand vorstellen, bei dem die Preise für ausländische Zahlungsmittel – oder, was dasselbe ist, die Devisenkurse – sich "frei am Markt", nach Angebot und Nachfrage also, bilden. Dann würde es keine Knappheit und keine Überfülle an Devisen geben, sondern die knapp angebotenen und stark nachgefragten Währungen – der USA-Dollar etwa oder der Schweizer Franken – würden höher im Kurs stehen, und die reichlich angebotenen und wenig nachgefragten Währungen müßten sich Kursabschläge gefallen lassen ... Das ist nicht nur in der Theorie so, sondern ist selbst heute noch eine faktische Gegebenheit: nämlich überall da, wo ausländische Zahlungsmittel (zumeist Banknoten – also nicht die "eigentlichen" Devisen, d. h. Wechsel in Auslandswährung) "frei" gehandelt werden. Absolut frei geht dieses Geschäft an den "schwarzen Märkten" überall in der Welt vor sich, und nahezu frei in jenen glücklichen Ländern, die dank einer "harten" und frei austauschbaren (konvertiblen) Währung auf eine Devisenzwangsbewirtschaftung völlig oder doch nahezu völlig verzichten können, und wo auch der Waren- und Kapitalverkehr sich weitgehend "liberalisiert", frei von Reglementierungen vollzieht. Wenn man die Dinge einmal ganz grobsimplifizierend aussprechen darf, ist es "eigentlich" nur die Sorge vor starken Devisenkursschwankungen und speziell vor einem Absinken der eigenen Währung (mit der Folge einer Verteuerung aller Einfuhren zunächst, einem allgemeinen Preisanstieg später), das die im Stadium der Devisenknappheit verharrenden Länder davon abhält, zur freien Kursbildung überzugehen und notfalls eine Abwertung ihrer eigenen Währung vorzunehmen. Also bleiben sie beim "System des organisierten Mangels", mit der Zwangsbewirtschaftung für ausländische Zahlungsmittel, mit der Beschränkung der Wareneinfuhr und der Überwachung der Kapitalausfuhr.

Nun gibt es die Bemühungen, wenigstens "Ersatzlösungen" für die Freiaustauschbarkeit der Währungen durch Schaffung größerer Verrechnungsräume, mit möglichst weitgehend liberalisiertem Warenaustausch unter den Teilnehmerstaaten, zu verwirklichen: der bekannteste und für uns bedeutsamste Versuch dieser Art ist das Abkommen über die Bildung der EZU, der Europäischen Zahlungsunion. Leider zeigen solche Hilfskonstruktionen nicht die Tendenz, sich selbst überflüssig zu machen – im Gegenteil: sie wirken wie bequeme Krücken, an die sich der Hinkende so sehr gewöhnt, daß sie ihm völlig unentbehrlich erscheinen ... Selbst eine schnell erstarkende Volkswirtschaft wie die unsrige kann, einmal in die Gemeinschaft der Zahlungsunion einbezogen, sich "aus eigenem" daraus nicht mehr lösen, sondern muß, nachdem sie zunächst deren Vorteile genossen, nun auch manche Nachteile in Kauf nehmen – und im übrigen geduldig abwarten, bis die "Hinkenden" entweder von sich aus (nach und nach...) auf die Krücken verzichten, oder bis sie unter mehr oder minder sanftem Druck eines Tages dazu gezwungen werden. Der Nachteil aber, den wir in Kauf zu nehmen haben, besteht insbesondere darin, daß wir (und zwar nicht nur gegenüber den EZU-Ländern, sondern gleicherweise auch gegenüber anderen Außenhandelspartnern) Waren in erheblichem Umfange "auf Kredit" liefern müssen. Denn nichts anderes bedeutet ja die Tatsache, daß unserer Volkswirtschaft aus dem Außenhandel erhebliche bei der Währungsbank "ungenutzt" liegende Devisenreserven "zuwachsen" ... deren DM-Gegenwert zur Zeit bis zur Höhe von mehr als 12 Milliarden angestiegen ist.

Freilich ist diese Art "Kreditgewährung" eine Sache besonderer Art. Bezahlt hat ja der ausländische Importeur die ihm aus dem Bundesgebiet gelieferte Ware – und ausgezahlt ist der Gegenwert an den deutschen Lieferanten, und zwar durch die Währungsbank, also die Bank deutscher Länder; diese hat nämlich die aus dem Exportgeschäft anfallenden Devisen "angekauft", d. h. gegen D-Mark eingetauscht, obwohl bekannt ist, daß "vorläufig" keine Verwendungsmöglichkeit für einen erheblichen Teil der ihr zufließenden Auslandszahlungsmittel besteht. Insofern also kann – trotz Zahlung (in Devisen) "drüben" und Zahlungsempfang (in D-Mark) hier – doch von einer Kreditgewährung "von Volkswirtschaft an Volkswirtschaft" gesprochen werden. So angenehm es ist, wenn sich derart ein dickes Reservepolster an Devisenbeständen (zum Teil auch in Form von Gold, als der feinsten und härtesten aller Devisen) bei der Währungsbank ansammelt – die Sache hat doch auch ihre Schattenseite: deshalb nämlich, weil bei ständigen erheblichen Devisenzuflüssen dieser Art unserer Gesamtwirtschaft nun auch entsprechende DM-Gegenwerte (durch die Devisenankäufe der Währungsbank) zufließen, und zwar ohne daß der Gegenwert hierfür, in Gestalt von Waren, im Inlande verfüglich wäre. Diese Folge der "unterlassenen" (oder zeitlich aufgeschobenen Einführen wirkt sich in einer übersteigerten Geteflüssigkeit aus und muß, falls nicht Gegenwirkungen vorhanden sind (oder in Gang gesetzt werden), allmählich eine Tendenz zur allgemeinen Preissteigerung auslösen, d. h. einfuhrsteigernd wirken – womit also die Kräfte der Selbstheilung zur Geltung kommen und den Ausgleich der Ein- und Ausfuhrwerte vollziehen, der im Außenhandel das Normale ist.

Denn Außenhandel ist immer Tausch: Warentausch; nur so ist er "sinnvoll". Die Ausfuhr soll die Einfuhr ermöglichen und umgekehrt; weder ist die Ansammlung von Devisenreserven der eigentliche Sinn und Zweck der Ausfuhr, noch sind (bei gesunden Währungsverhältnissen und richtigen Kursrelationen) die Sorgen berechtigt, daß ein "Zuviel an Einfuhr" geschehen und zu einem "Devisenmangel" führen könnte. Völlig verfehlt ist also die "statische" Vorstellung, als ob jeweils nur ein bestimmter "Devisenfonds" verfüglich wäre, aus dem die Zahlungen für die Einfuhren zu bestreiten seien, so daß die Einfuhrmengen – um "Devisen zu sparen" – beschränkt und diesem "Fonds" angepaßt werden müßten; diese Denkweise wird dem Charakter des Außenhandels, als ("dynamischer") Warentausch, nicht gerecht, und sie führt zu falschen wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Darüber wird in Kürze noch einiges zu sagen sein, denn noch immer spukt bei uns das Denken in den Kategorien der "Devisenmangelpsychose" – obwohl die aktuellen Sorgen aus der Devisenüberfülle unsere Wirtschaftspolitiker eigentlich längst hätten eines Besseren belehrt haben müssen! E. T.