Ja, was ging das ihn an? – In ein paar Tagen sollte die Dreharbeit beginnen, und nun war er in diese Sache hineingeraten, komisch oder erstaunlich. Hineingeraten war er aus beruflicher Sorgfalt, er hatte diese Rolle übernommen, seine erste Filmrolle nach Jahren, er spielte mittlere Fächer am Schauspielhaus und war eine verläßliche Kraft, und nun dies, und nun mußte er das Milieu studieren und Gesichter von Managern solcher Tanzbars, schwer zu fassende Gesichter vielleicht, ein Typ, geprägt am Dickichtrand der großen Städte, wo geordnetes Land sich verliert in die Wüste, ein Typ, den man "haben" mußte und nicht einfach sich denken konnte, einen solchen Manager sollte er spielen. So war er gestern nach der Vorstellung in eines dieser Lokale gegangen und hatte sich gewundert, die bunt verhüllten Lampen sollten Stimmung schaffen und gaben nichts weiter als triste Düsternis, oder lag’s an der Leere des Lokals, "so ist es normalerweise nicht", hatte der Ober gesagt. Der Geschäftsführer war ein Allerweltstyp und als Modellfigur völlig untauglich gewesen, glatt, Amüsierbranche, hintergrundlos, banal. Nur die Telephone auf den Tischen und die diskret darüber leuchtenden Lampions mit schwarzen Nummern wirkten irritierend, und an einem entfernten Tisch saßen ein paar Mädchen in Abendkleidern und langweilten sich. "Unsere Tanzdamen", erklärte der Ober, "die Marken kaufen Sie bei mir, pro Stück fünfzig Pfennig, pro Tanz geben Sie der Dame, die Sie wählen, je eine, die Damen rechnen nach Feierabend um vier Uhr mit dem Geschäftsführer ab. Sie können sich auch eine oder mehrere Damen an den Tisch bitten, wenn Sie nicht allein sitzen wollen, dafür zahlen Sie pro Stunde drei Mark oder nach Belieben, die Dame rechnet ab, drei Mark ist der Satz." Und er hatte gedacht, so könne er der Sache näherkommen, und hatte den Ober gebeten, eine der Damen an seinen Tisch zu bitten, "ich möchte das nicht per Telephon machen", und eine blonde junge Frau in billigem schwarzem Abendkleid war erschienen und er hatte sie neben sich gesetzt und ihr einen Sherry bestellt, und sie hatte bereitwillig geantwortet: mit zwanzig verheiratet, der Mann ein Jahr später an einem Kriegsleiden gestorben, ein jetzt neunjähriger Sohn und eine Mutter, die herzkrank war und viel liegen mußte, und er hatte ihr geglaubt, weil ihre Hand sich rauh angefühlt hatte bei der Begrüßung, Hand einer Hausfrau, die von früh halb fünf bis elf schlief und dann an ihre Hausarbeit ging, "und das hier mache ich seit drei Jahren, eigentlich bin ich Kinderschwester, das reichte nicht, und tagsüber konnte ich nie zu Hause sein, und ich habe in den drei Jahren die ganze Wohnungseinrichtung auf Raten zusammengekauft. Wir waren ausgebombt damals, ewig werde ich das hier nicht machen, aber es tut mir nichts – was wollen Sie noch wissen?" In ihr Lächeln hinein hatte er, verlegen fast, gefragt: "Wie ist das mit Sumpfbrüdern und auf Reise befindlichen Leuten, die sich nach guten Abschlüssen eine Nacht um die Ohren schlagen wollen und womöglich mehr suchen als eine nette Partnerin am Tisch oder beim Tanzen?" Ihre Augen waren klar, er sah es, und er glaubte ihr: sie komme stets nüchtern und unangefochten heim, und zudem sei sie nicht auf den Mund gefallen. Nach einer knappen Stunde hatte er ihr fünf Mark in die Hand gedrückt und gesehen, daß sie sich freute, und war gegangen, in diesem Lokal hatte er einen Menschen getroffen, das stand fest, aber nicht das Menschen den Typ, den er darstellen sollte, und so war er zögernd in eine andere Nachtbar gegangen und dort hatte sich ein Mädchen mit weichen Händen vor ihn hingestellt und ihn gefragt, ob er sie an seinem Tisch haben wolle, und er hatte bejaht und auch ihr seine Fragen gestellt, denn die Geschäftsführer in diesen Lokalen hatten glatte kühle Gesichter wie geschlossene Türen, aber am Ende gehörten Antworten solcher Mädchen zu den Dingen, die man für seine Rolle kennen mußte: "Warum wollen Sie so etwas von mir wissen?" Er sah das fast noch kindliche Lächeln in dem schmalen bemalten Gesicht, und sah es flackern und spürte etwas grell Schmerzhaftes wie ein Signal und zwang das plötzlich klein gewordene Gesicht dahinein und registrierte die hastigen Antworten unterm Schwall der hitzigen Musik: Eltern gestorben, Stellung als Platzanweiserin zu schlecht bezahlt, an der Kinokasse nach fünf Monaten erkrankt, "verkaufen Sie mal sechshundert Karten in vierzig Minuten und keiner legt Ihnen das Geld abgezählt hin", und arbeitslos und dann, nun ja, das Inserat gefunden: Junge, gut aussehende Damen mit erstklassigem Leumund. Und er gliederte Wahrheit und Lüge und Halbwahrheit auseinander und prägte sich ihren Namen ein, sogar die Straße nannte sie, in der ihre Eltern zuletzt gewohnt hatten, angeblich, nun lächelte sie wieder und wollte ihn zum Trinken veranlassen, vermutlich bekam sie Prozente. Er fragte: "Was war der Beruf Ihres Vaters?"

"Städtischer Oberamtsoffiziant", sagte sie, und er beobachtete hinter der dicken Hornbrille, die er sonst nur beim Lesen trug und bei der Rollenarbeit – und welche Rolle spielte er jetzt, wer hatte sie geschrieben? –, das Flirren ihrer Lider und das jähe Nichtigwerden der Schminke im schmalen Gesicht, und er griff zu: "Würden Sie, wenn Ihre Eltern noch lebten, gern zu ihnen zurückkehren?"

Ihre dünne Hand ließ ab vom Stiel des Weinglases und lag offen auf der weißen Tischdecke, und es dauerte eine ganze Weile, ehe sie antwortete: "Das, das ist schwer zu sagen ..."

Sie war zweiundzwanzig, und ihre Wahrheit und ihre Lügen, was ging das alles ihn an? Und was, daß die Adresse stimmte und daß – er rief am nächsten Morgen das Einwohnermeldeamt an – dort wirklich ein städtischer Oberamtsoffiziant Kramer wohnte? Er hätte Zeit gehabt, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, der Tag war probenfrei und ohne Abendvorstellung für ihn, und warum ließ ihn seine Unruhe nicht los? Warum konnte er nicht weiterlesen nachmittags und verließ seine kleine Wohnung? Rauchig lastete das Dämmer über der unkenntlichen Landschaft der Großstadt. Ein gutangezogener Mann in den besten Jahren ging langsam durch Straßen, und sollte er nicht den Bettler dort drüben mit einem Fünfgroschenstück beglücken? Er ging weiter auf einer Wolke aus überspielter Einsamkeit.

Er ging durch halbstille Seitenstraßen, parkende Autos vor einem kleineren Kino, Kinder spät noch lärmend um frostige Bäume, Radfahrer huschten vorbei und Fetzen von Allerweltsgesprächen betrafen ihn nicht, er ging vorbei; über eine schmale Steinbrücke kam er in den großen Park, wo Bäume mit unbekannten Namen den Abenddunst noch eine Weile in ihren Wipfeln aufhalten wollten mit starren Anmutgebärden. Doch es mißlang ihnen; am Ende gewundener Wege entlang den schwarzen Gebüschen stand blickloses Grau, es zog ihn an, schob sich aber im Näherkommen hinaus wie ein Traumbild, vor dessen Hintergrund fremd und kontaktlos Spaziergänger auftraten und entschwanden. Es gab auch keine Pärchen mehr, denen die Einsamkeit des nebelüberhangenen winterklammen Parks noch willkommenes Ziel war, um ihr Einandernahsein schärfer zu schmecken, gewürzt von solcher Einsamkeit. Alle Wege führten nirgend wohin, wenn unter einem Irgendwo Antwort oder wenigstens die Möglichkeit eines Antwort-Erwartens verstanden werden wollte, es schien nur noch absolute, unfaßliche, unaufhebbare Einsamkeit zu geben. Und als von einem Hauptweg her Lampen aufzuglimmen begannen wie Richtungsweiser an jeglichem Weihnachtsvorgefühl vorbei in eine entmenschte Mondlandschaft und völlig sinnlos mithin, da kehrte er um – wohin? – zu sich. Doch auch dies wohl nur, um ganz allein weiter einsam zu sein, und ging dennoch rascher, getrieben von etwas Beiseitegeschobenem, das ihn mit Unruhe erfüllte und nicht loszuwerden war, konnte er doch mit den Bäumen und Gebüschen, die wohl auch plötzlich froren, und mit dem Abendrauch nicht sprechen, war doch das gelbe lichtlose Glimmen der Parkweglampen im Nebel eine Sprache, der länger zuzuhören ihm die Kraft zu fehlen schien.

Er erreichte den Taxistand, nahm einen Wagen, fuhr durch die Stadt ins Unbekannte, suchte eine Hausnummer, stieg drei Treppen hinauf. Erst vergaß er den Hut abzunehmen und dann stellte er sich blitzschnell auf die Rolle ein, die sein Gegenüber ihm suggerierte, betrachtete den kleinen verstörten Mann mit Strenge und sagte dann, auch zu der hinter dem Mann auftauchenden und verschreckt blinzelnden Frau: "Ich komme wegen Ihrer Tochter Margit." Er sagte es ziemlich laut und etwas befehlshaberisch, als ob er auf der Bühne stände in der Rolle eines Chefs, eines Managers, eines Mächtigem, und er marschierte auf ein hastiges "Bitte kommen Sie doch herein" der Frau an beiden vorbei und sah in einer Tür zwei Jungengesichter auftauchen und entschwinden, viel jünger als das Mädchen, noch schulpflichtig, stellte er fest, da stand er schon in einem kalten Wohnzimmer mit Kredenz und grünem Plüschsofa, hatte den Hut noch auf dem Kopf und dachte: gut so, "Herr – Kommissar?" sagte der Mann verschüchtert und die Frau nestelte an blauer Küchenschürze und schluckte, er aber nahm nun den Hut ab und schob die Unterlippe vor und ließ die Frau aufschluchzen: "Was ist mit der Gretel, ich bin doch die Mutter, Herr Kommissar!" Sah den Mann die Frau heimlich anstoßen und ließ ihn sagen: "Wir sind nicht schuld, Herr Kommissar, sie lief weg nach einer Auseinandersetzung, das ist vier Monate her und – und", und er, der Fremde, beschloß nun doch, er selbst zu sein: "Ihrer Tochter fehlt vor allem das Zuhause. Ich bin ihr zufällig begegnet, sie muß von da weg, wo sie jetzt ist." Der Mann stammelte: "Ich konnte sie doch nicht von der Polizei suchen lassen, das kann ich doch nicht", und die Frau rief: "Und jeden Tag und jeden Tag bin ich in der Stadt umhergelaufen und hab gedacht, ich finde sie, Herr Kommissar!"

"Ziehen Sie sich an", er blickte den Mann an, "fahren Sie mit mir, holen Sie Ihre Tochter heim. Ich bin nicht Kommissar, ich habe Sie nur ausgefragt."

"Aber was – was sind Sie denn?" rief die Frau und lächelte ihn an. Er hob die Schultern, er wußte es nicht, das galt auch für die Frage der Frau, es war bedeutungslos, auch die Frau begriff’s, sie lief hinaus und kam mit einem frischen Kragen und einer Krawatte zurück, der Mann fuhr mit schlenkernden Armen in seine Jacke, ein kleiner dünner Mann mit einem schütteren Schnauzbart und bleichem Gesicht, es ist gewiß nicht immer so bleich, dachte der Fremde. Auf einmal kam ihm alles wie ein völlig fremdes Stück auf einer unbekannten Bühne vor, auf der ihm eine ungeschriebene Rolle zugefallen wäre – oder war es gar keine ungeschriebene, gab es diese Rolle am Ende längst und er hatte sie nur nicht gekannt oder hatte sie vergessen? Welche Rolle war es aber denn? Welche? Er konnte nicht mehr länger darüber nachdenken; er hatte nur noch zu nicken, als der bleiche Mann vor ihm stand, einen Hut in der Hand und sagte: "Bitte... Ich wäre also soweit..."