Obwohl die Freunde der erzählenden Literatur alljährlich mit einer schier unübersehbaren Flut neuer Romanbände überschüttet werden, gibt es anscheinend noch Leserbedürfnisse, die von dem Massenangebot der Novitäten nicht befriedigt, vielleicht nicht einmal berührt werden. Wie wäre es sonst möglich, daß ein bislang vielfach für ab-

seitig, jedenfalls nicht gerade allgemeingefällig gehaltener Autor der Vergangenheit, dem überdies nicht nachgesagt werden kann, er habe "thematisch" den Menschen unserer Tage etwas Besonderes "zu sagen" – daß der Erzähler Wilhelm Raabe offenbare veritable Renaissance erlebt? Es muß dieser Spezialfall seine Erklärung in einer weniger über den Intellekt als über gewisse GefühlsIsreaktionen gehenden Ansprechbarkeit mancher heutiger Zeitgenossen durch jene seltsame Mischung aus erregender Hintergründigkeit und beharrlicher Spießbürgerlichkeit finden, die Raabes künstlerische Psysiognomie bestimmt. Das Doppelgesicht des Unauslotbaren, Dunklen, Schicksalhaften auf der einen, des versponnenen Behagens auf der anderen Seite findet wohl seine Entsprechung in dem Gegensatz zwischen der Erfahrung und dem Wunschleben manches Überlebenden der beiden Weltkriege. Fest steht, wie dem auch sei, daß es sich lohnen muß, wenn ein Verlag es unternimmt, gleichzeitig mit drei verschiedenen Raabe-Ausgaben aufzuwarten. – Nach dem Anfang einer großen, auf zwanzig Bände geplanten Gesamtausgabe und einer Auswahlausgabe:

Wilhelm Raabe, Werke in vier Bänden. Kritisch durchgesehen und herausgegeben von Professor Dr. Karl Hoppe. Zusammen 2950 S., Ganzleinen 36,50 DM, Halbleder 46,50 DM.

läßt die Verlagsanstalt Hermann Klemm, Freiburg i. Br., jetzt auch in gleich sorgfältiger Ausstattung Einzelausgaben erscheinen, deren Preis zwischen 5,20 DM und 9,80 DM variiert. Gerade diese schönen und handlichen Bändchen dürften dazu beitragen, dem norddeutschen Epiker noch manchen neuen Verehrer zu gewinnen. Es liegen bislang vor: "Alte Nester", "Der Hungerpastor", "Horacker", "Abu Telfan", "Der Schüdderump", "Die Akten des Vogelsangs", "Der Dräumling", "Christoph Pechlin" und "Das Horn von Wanza". Ein Stück wie das andere dokumentiert eine inzwischen außer Gewohnheit gekommene Meisterschaft sprachlicher Kunst, aber auch die merkwürdige Position der gesamten deutschen Epik des neunzehnten Jahrhunderts zwischen Weltrang und Provinzialismus. A-th