Von Hansi Kessler

Im Amerika-Haus zu Hamburg beginnt am 21. November eine "Arbeitswoche" der von Arie Goral geleiteten Kinder- und Jugendlichen-Studios für Zeichnen, Malen und Formen. In Verbindung damit steht eine Ausstellung von "Kinder- und Jugendmalereien aus aller Welt".

In Hannover lebt eine Malerin, in deren Atelier sich Schülerinnen und Schüler von dreizehn bis Sechsundsechzig Jahren versammeln. Sie stammen aus allen Schichten, aus allen Berufen. Sie kommen nicht, weil sie die Künste des Zeichnens und Malens einmal beruflich verwerten wollen; sie kommen, um bei Anita Rehse zu lernen, wie man seiner freien Zeit einen Sinn geben kann.

Die Malerei beginnt mit der schematischen Anleitung, die Skalen der Hell-Dunkel-Tönung in einer einzigen Farbe auszuspüren und sichtbar zu machen; sie schreitet über die Grundformen Quadrat, Dreieck, Kreis und ihre vielen Variationsmöglichkeiten zur Wandlungsfähigkeit der Linien und Farbklänge fort; dann folgt die Arbeit nach der Natur und nach dem lebenden Modell. In einer Ausstellung ist an den Arbeiten der Schüler aus verschiedenen Stadien klar zu erkennen, wie die Lehrmeisterin ihnen nicht nur das Handwerkszeug gab im Laufe der Kurse, sondern wie sie vielmehr noch jeden einzelnen aus der Erstarrung löste, ihn sehen und gestalten lehrte. Und spricht man mit den jungen oder älteren Lernenden, kommt immer wieder zum Ausdruck, daß sie bei dieser schöpferischen Beschäftigung in ihrer freien Zeit etwas gefunden haben, was kein Film und kein Fußballspiel ihnen ersetzen kann.

Der Hamburger Maler Goral ist noch einen Schritt weiter gegangen. Seine Schüler sind Jugendliche und Kinder, aber es sind vor allem diejenigen, die den Erwachsenen wie den Behörden Sorgen machen, die sozial Benachteiligten, die kulturell Behinderten – kurz, alle diejenigen, die einmal im großen Arbeitsprozeß wie im Staatsgefüge möglichst ihren Platz ausfüllen sollen wie jene anderen, deren Jugend unter einem besseren Stern stand.

Da ist ein Barackenviertel am Rande der Stadt. Die Kinder streunen ohne Aufsicht umher; was ihnen fehlt, ist Nestwärme, liebevolle Anleitung und Betreuung. Das Spielfeld vieler Kinder sind Schuttplätze und Nissenhütten. Goral holt sie zusammen, gibt ihnen Papier, Farbe, Pinsel, Stift und Staffelei, und dann heißt es: ‚Nun malt mal!‘ Und sie malen.

Keine Kunstwerke, bei Gott nicht! Aber ihre Bilder sagen aus, was sie bewegt, was an Träumen in ihnen verborgen liegt, was als Alpdruck ihre Tage verdüstert, wo sie in Gefahr sind. Goral gibt zunächst keine theoretischen Anleitungen, er ermuntert nur, rät höchstens einmal, sich zunächst auf zwei oder drei Farben zu beschränken, bei weiterem Fortschritt die Farbenzahl zu erweitern, den ganzen Papiergrund als Fläche zu verwenden und ihn mit all dem zu bemalen, was das selbstgewählte Thema bietet. Und die kleinen Raufbolde, Jungen wie Mädchen, sind mit vollem Herzen bei der Sache. Gewiß, manche verschwinden nach ein oder zwei Stunden auf Nimmerwiedersehen, aber die meisten bleiben bei der Stange. –