Das Abkommen über die Einführung der 45-Stunden-Woche, die sich über fünf Arbeitstage erstrecken soll, hat in Belgien zwar den von den Gewerkschaften für den Fall der Ablehnung angekündigten Streik der Industriearbeiter verhindert, stellt aber die belgische Wirtschaft vor schwierige Probleme. Die neue Arbeitszeit soll schrittweise eingeführt werden. In der chemischen Industrie beginnt mit sofortiger Wirkung die 46 1/2-Stunden-Woche und am 1. Februar 1956 die 45-Stunden-Woche. Das letztgenannte Datum ist auch für die Stahlindustrie vorgesehen worden. In der ihrigen Metallindustrie soll die 45-Stunden-Woche am 1. Dezember in Kraft treten.

Obwohl in den meisten westeuropäischen Ländern die 45-Stunden-Woche als nicht außergewöhnlich angesehen wird, machen in Belgien die verhältnismäßige Armut an Bodenschätzen, mangelnde Investitionen in neuen Fabriken und Maschinen und die hiermit verbundene Tendenz hoher Kosten für die Industrieprodukte die Verkürzung der Arbeitszeit zu einem Problem der Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit. Das gilt insbesondere für die Kohlenförderung. Das Abkommen bestimmt hier kein genaues Datum für die Einführung der neuen Arbeitszeit, stellt aber fest, daß es unvernünftig wäre, den Bergarbeitern eine Erleichterung zu verweigern, wobei gleichzeitig auf die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der Förderung und der Vermeidung von Preiserhöhungen hingewiesen wird.

Die im belgischen Kohlenbergbau durch hohe Produktionskosten bestehenden Schwierigkeiten sind von den Partnern in der Montan-Union dadurch anerkannt worden, daß die Hohe Behörde der belgischen Kohlenindustrie während einer Übergangszeit von fünf Jahren aus ihrem Fonds eine Subvention zahlt, um ihre Betriebe zu modernisieren und dadurch die Produktivität zu erhöhen. Der Subventionsfonds der Hohen Behörde wird in erster Linie durch deutsche und holländische Beiträge gespeist. Von beiden Ländern ist bereits seit längerer Zeit an der bisherigen Subventionszahlung Kritik geübt und behauptet worden, die belgischen Gesellschaften verwendeten die Subventionen nicht in der vorgesehenen Weise, sondern zur Erhöhung ihrer Dividenden.

Sollte die belgische Kohlenindustrie nach Einführung der 45-Stunden-Woche von der Hohen Behörde der Montan-Union eine Erhöhung der Subvention fordern, so dürfte mit einem starken Widerstand des deutschen und holländischen Partners gerechnet werden. E. K.