Von Carl Georg Heise

Die Ausstellung Giorgione e i Giorgioneschi im Palazzo ducale in Venedig ist während der Sommermonate nicht nur von Vergnügungsreisenden, sondern auch von Fachleuten eifrig besucht worden. Sie war ein Ereignis für die Kunsthistoriker, deren internationaler Kongreß im September dort getagt hat. Jetzt hat sie ihre Pforten geschlossen. Sind durch sie neue Erkenntnisse gewonnen worden, die auch für den Laien ein klares, faßbares Gesamtbild des Meisters ermöglichen, dessen Leben und Schaffen, dessen Wirkung auf die Zeitgenossen und auf die Nachwelt so bedeutungsvoll und so rätselhaft erscheinen, wie sonst nur noch des großen Magiers Leonardo da Vinci geheimnisvolles Schöpfertum? Selten sah man in einer Ausstellung so viele Notizenschreiber, so viele diskutierende Experten; möchten sie endlich einig werden! Noch der Katalog, der sorgfältig alle stark voneinander abweichenden Meinungen der letzten Jahrzehnte registriert, bietet ein Bild erschreckender Verwirrung: kaum eines der berühmtesten Gemälde, an dem nicht wenigstens einer der "Kenner" gezweifelt hätte, und daneben eine Fülle immer neuer, mehr oder weniger fragwürdiger Zuschreibungen! Hier wie auf so vielen anderen Gebieten wissenschaftlicher Erkenntnis hat das überzüchtete Spezialistentum mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet.

Was man wünschen möchte, ist dies: mehr Vertrauen zu der zum Teil ausgezeichnet fundierten historischen Überlieferung und ein eindringlicheres Studium der im Grunde unverkennbaren künstlerischen "Handschrift" des Meisters, weniger Verlaß auf eine nachahmbare "giorgioneske" Stimmung, als auf die in jedem Fall aufs neue überraschenden Besonderheiten, auf den Stempel des Genius. – Tief verwurzelt in der vom alten Giovanni Bellini begründeten Tradition und hinüberleitend zum strahlenden Lebenswerk Tizians, der sein Schüler und sein Gehilfe bei den berühmten (heute zerstörten) Fresken am Fondaco dei Tedeshi, dem Kaufhaus der Deutschen am Canale grande, gewesen ist, bleibt Giorgione, der Frühvollendete (1510 von der Pest dahingerafft), die schwer faßbare, aber entscheidende Zentralgestalt. Zwischen den beiden langlebigen Großen, die zusammen ein volles Jahrhundert der venezianischen Malerei beherrscht haben, und ihrer fast unübersehbaren Schar von Trabanten, leuchtet der milde Stern des Meisters von Castelfranco, ohne den dieser ganzen Spanne malerischer Hochblüte Unendliches an Glanz, Anmut und seelischer Tiefe fehlen würde.

In San Zaccaria gibt es eines der schönsten Altarbilder Bellinis, eine thronende Madonna mit Heiligen, die 1505 vollendet wurde. Damals war der Künstler schon 75 Jahre alt und doch, nach Albrecht Dürers Zeugnis, in Venedig immer noch "der pest im gemell". – Es handelt sich um nichts Neues oder gar Revolutionäres, sondern um ein seit Jahrzehnten erprobtes und oft variiertes Darstellungsschema: Die Gottesmutter sitzt auf einem vielfach gestuften, reich verzierten, hoch aufragenden Thron, in einer Nische, deren überhöhende Halbkuppel einen wesentlichen Teil des Bildraumes füllt, zu ihren Füßen ein die Laute spielender Engel, zu ihren Seiten je zwei Heilige, nicht eigentlich handelnd einbezogen, nur assistierend gegenwärtig. Bei aller liebenswerten Vermenschlichung im einzelnen, bei aller malerisch vollendeten Lebensnähe doch eine durchaus künstlich konstruierte Welt, ein Kultbild, das den Betrachter zur Distanz andachtsvoller Verehrung zwingt.

Um die gleiche Zeit arbeitete der junge Giorgione an seinem Madonnenbild für seine Geburtsstadt Castelfranco. Der kompositionelle Grundgedanke ist genau der gleiche geblieben, und doch ist alles ganz anders geworden. Der Betrachter hat Zutritt gewonnen zum Allerheiligsten. Der stark überhöhte Thron in freier Landschaft reich gestuft, doch ohne Ornament, scheint eben erst von Menschenhänden aufgerichtet zu sein. Eben erst sind die beiden Schutzpatrone der Kirche, der heilige Liberale und der heilige Franziskus, leise hinzugetreten, und wir könnten es tun wie sie, kein Engel wehrt uns den Zutritt, und in der heimisch vertrauten Umwelt spielt sich das Leben des Alltags ab.

Das Erstaunlichste bei alledem ist, wieviel Bellini, offensichtlich noch auf seine alten Tage sehr aufgeschlossen für alles Neue, von den Zielsetzungen des Jüngeren aufgenommen, ja ihn im malerischen Schimmer der zart aufeinander abgestimmten Farben gar noch übertroffen hat und dennoch befangen bleibt in einer anderen, den Menschen ferngerückten Welt. Von Giorgione aber ist zu sagen, daß er jenen entscheidenden Schritt in einen neuen Lebenskreis so unaufdringlich, mit solcher Behutsamkeit vollzieht, daß nichts Heiliges verletzt wird; es behält seine Würde, aber wir atmen mit ihn im gleichen Raum. Man könnte vom Beginn der Verweltlichung des Andachtsbildes sprechen. Gewiß, sie steht unmittelbar bevor, Tizian hat sie vollzogen, und Paolo Veronese muß sich öffentlich verantworten wegen indezenten Benehmens seiner Figuren auf einem biblischen Legendenbild. Doch kam von alledem bei Giorgione nicht die Rede sein. Er ist in beiden Welten heimisch. Im Glanz, der Frühe vollzieht sich das Wunder der Vereinigung des Unvereinbaren im Kunstwerk. Die Stunde solchen Aufbruchs konnte nur kurz sein; es ist Gnade, daß der Künstler sie nicht zu überleben brauchte und jedes seiner Werke von ihrem Licht getroffen wurde – zugleich das zuverlässige Signum der eigenhändigen Vollendung durch den Künstler selbst.

Im Palazzo Pitti in Florenz hängt eine viel bewunderte weltliche Darstellung: "Das Konerzert",