Seit Jahren hören Millionen Menschen Peter von Zahns Berichte aus der Neuen Welt im Rundfunk. Viele würden sie gern mit mehr Muße genießen, wozu am Radio kaum Zeit bleibt. Deshalb konserviert er das allzu "Ätherische" mitunter in gedruckter Form. Es verliert damit weder an Frische noch an Aroma. Sogar das Typische des Vortrags, die Stimme selbst klingt in den Zeilen mit. Hier sein letztes Buch:

"An den Grenzen der Neuen Welt". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 263 S., 12,80 DM.

Unter Grenzen verstehender Autor keineswegs allein die geographischen Trennungslinien. Es gibt mancherlei Grenzen innerhalb der Vereinigten Staaten von Nordamerika: Solche der Landschaften und Klimata, der Rassen und Religionen, der Ideologien, der Geschlechter. Peter von Zahn geht ihnen nach mit der Leidenschaft des Reporters, dem die Fähigkeit des sich Wunderns noch nicht abhanden gekommen ist. Wieder, wie schon in seinem ersten Amerikabuch, das er "Fremde Freunde" nannte, entwickelt er mit Vorliebe vom Individuum her das ihn interesssierende Problem. Er hat die Technik seines Berufs zu einer Perfektion entwickelt, die keine sublimste Regung außer acht läßt. Er beherrscht wie kein Zweiter im deutschen Journalismus die Sprache bis zur letzten Transparenz. Schauen wir, wie er zu Werk geht.

Da ist die Rede von der 42. Straße in New York Mit einem Satz wird die Szenerie umrissen. Die hohen Häuserfronten, an denen die Hochbahn entlangdonnert, das schmale Rechteck des Himmels mit seiner ewig schwelenden Dunstschicht, die Menschen, Autos, Wolkenkratzer und altbackenen Gebäude der Jahrhundertwende. Wir befinden uns inmitten des Alltags der größten Stadt der Welt. Dann aber öffnet sich an irgendeiner Ecke plötzlich ein neuer, höchst fremdartiger Ausblick. Ein grünspiegelnder Wall ragt auf. Seine Dimensionen sind so gigantisch, daß neben ihm alles andere unbedeutend, ja winzig erscheint. Dieser gläserne Wall hat es Peter von Zahn angetan. Er bleibt zunächst ein unheimliches Etwas, das der Phantasie von Edgar Allan Poe entsprungen sein könnte! Er mutet auch in der Schilderung wie von Poe an. Dann aber erfährt man wie beiläufig, um was es sich handelt. "Gegen Abend, wenn ein schräger Sonnenstrahl vom Hudson her auf das Sekretariatsgebäude der UNO prallt, dann zersplittert er auf diesem Spiegel und explodiert lautlos in tausend Blitze." "Das wäre",’ fährt Peter von Zahn aber sogleich fort, "natürlich nicht möglich ohne die Fensterputzer. Ohne sie wäre der Wall blind."

Wir kennen nunmehr die Situation von außen. Ab jetzt hat allein der Fensterputzer das Wort, jenes winzige Pünktchen auf der ungeheuren Glaswand, Pomarenko mit Namen, ukrainischer Herkunft, Mitglied der zuständigen Gewerkschaft und dank seines Berufs durchaus in der Lage, zu beobachten, was hinter der Glaswand vor sich geht. Pomarenko weiß natürlich nicht um die tiefere Bedeutung dessen, was er sieht. Näher interessiert ihn allein die junge, bildhübsche Chilenin, welche in einem der zahllosen Büros als Sekretärin tätig ist. Aber Peter von Zahn weiß es. Wiederum nahezu beiläufig vermittelt er uns einen umfassenden Eindruck vom Funktionieren der UNO, von den beruflichen und privaten Sorgen des Personals und von denen des Fensterputzers Pomarenko selbst, der ja nicht unbeteiligt und überdies ein interessanter Grenzfall ist; als Einwanderer aus dem Osten, als Gewerkschaftler einer spezifisch New Yorker Berufskategorie, als Mittler schließlich zwischen nationalem und internationalem Territorium.

Plastischer, abgerundeter und zugleich gedrängter in der Form kann man das einfach nicht schildern. Egon Erwin Kisch hat einmal die besten Zeitungsleute mit Lebenslauf und Stilproben in einer Anthologie zusammengefaßt. Er nannte sie "Klassischer Journalismus". Das Buch ist leider längst vergriffen. Würde man es heute neu herausgeben, dürfte Peter von Zahn darin nicht fehlen:

Heinz: Hell