Von E. Robert Singer

New York, im November

Die Entwicklung überstürzt sich zur Zeit in der amerikanischen Wirtschaft. Volkswirtschaftliche Erkenntnisse, mögen sie noch so solide begründet und noch so voraussetzungslos formuliert sein, sind gelegentlich 24 Stunden später schon nur noch Wahrheiten von gestern.

Der Federal Reserve Board hatte die Diskonterhöhungen und die Kreditrestriktionen, die heute die Lage auf den Geldmärkten des Landes bestimmen, nicht zuletzt deshalb beschlossen, weil die hochqualifizierten Facharbeiter der Industrie im wesentlichen beschäftigt und die modernen Fabriken voll beansprucht waren. Weitere Vergrößerungen des Produktionsvolumens erschienen also nur bei Verwendung altmodischer und unrationeller Betriebsanlagen und bei Einstellung weniger leistungsfähiger Arbeitskräfte möglich, was denn auch zu einer Erhöhung der Produktionskosten und zu entsprechenden Preissteigerungen geführt hätte, die man unbedingt vermeiden wollte. Erst am 29. September haben wir hierüber in der ZEIT berichtet, und schon heute haben sich die Verhältnisse so verändert, daß manche Kreise der Bevölkerung in der Furcht vor Entlassungsaktionen und vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze leben. Das brauchte nicht so zu sein. Diese Furcht der Menschen hat ihren Grund bestimmt nicht in der Erwartung von rückläufigen Konjunkturentwicklungen. Man rechnet hier vielmehr mit einer weiteren mäßigen Zunahme der Gesamtproduktion während der ersten Hälfte des kommenden Jahres, und Neueinstellungen von Arbeitskräften sind noch bis in die letzte Zeit hinein erfolgt. Was hier befürchtet wird, das sind die Folgen der fortschreitenden "Automation", und diese offensichtlich höchst unnötigen Befürchtungen haben im wesentlichen zwei Arten von Gründen.

Einmal haben einige mehr oder minder berufene "Sachverständige" aus der Automation, die im Grunde nichts anderes ist als eine fortschreitende Mechanisierung des Produktionsprozesses, so etwas wie eine neue Philosophie unserer Zeit zu machen versucht: eine zweite industrielle Revolution, eine Entwicklung, die sich für die kompliziertesten Definitionen hervorragend zu eignen scheint. Diese Definitionen rufen dann allerdings bei denen, die sie nicht zu begreifen vermögen, sehr häufig Bestürzung und Schrecken hervor. Mit Recht hat demgegenüber die Industrie darauf verwiesen, daß die Automation bereits mit der Erfindung der Steinaxt ihren Anfang genommen hat, aber solche sachgemäßen und beruhigenden Erklärungen erreichen leider nicht immer die Kreise, für die sie in erster Linie bestimmt sind.

Weiterhin haben angesichts der Beunruhigung, die die Diskussionen über die Automation hervorgerufen hatten, die Gewerkschaften sich der Sache angenommen. George Meany, der bisherige Präsident der American Federation of Labor und künftige Leiter des großen Gewerkschaftsverbandes, der aus der Verschmelzung der Federation mit dem Congress of Industrial Organizations entsteht, hat auf die Bedeutung verwiesen, die der Zusammenfassung von 15 Millionen Gewerkschaftlern in einer Dachorganisation für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zukommt, die von der Einführung arbeitssparender, automatischer Maschinen her drohe. Weiter sprach er von den politischen Plänen der Gewerkschaften, von der Unterstützung liberaler und fortschrittlicher Politiker und der Einflußnahme auf die gesetzgeberischen Arbeiten der Parlamente.

Die Tätigkeit der Gewerkschaften auf diesen Gebieten wird im Hinblick auf die Präsidentenwahl des nächsten Jahres während der kommenden Monate wahrscheinlich besonders rege werden. Es sieht so aus, als ob sie aus der Automation eine politische Angelegenheit von erster Bedeutung machen wollen. Walter P. Reuther, der Leiter der Automobilarbeitergewerkschaft, prophezeite vor dem Unterausschuß des Kongresses, der sich mit den Auswirkungen der Automation beschäftigt, daß man als Folge davon in zehn Jahren hier im Lande die viertägige Arbeitswoche haben würde, während man in den Kreisen der Industrievertreter, die vor dem Unterausschuß erschienen, offenbar eher mit einer Knappheit an Arbeitskräften als mit zunehmender Arbeitslosigkeit für die Zukunft rechnet.