Nach dreißig Tagen Harrens ist es zur Gewißheit geworden: der Kreml hält die deutschen Gefangenen böswillig zurück. Ein Heimkehrerzug von 25 Wagen mit 600 Mann wurde von Brest-Litowsk nach Moskau zurückgeschickt. Zehn Jahre haben die meisten die zynische Unmenschlichkeit des Bolschewismus in Straflagern ertragen – Hunger, Schmutz und Kälte, erniedrigt und gequält, in grauer Arbeitssklaverei, jeder Gemeinheit ausgeliefert, die ein Regime wie dieses ersinnen kann. Millionen gingen zugrunde, eine kleine Schar kam wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Nun waren sie auf dem Weg zur Heimat, ganz nahe schon, da holte Moskau sie zurück. Die Enttäuschung, die Verzweiflung fast, die das für die Opfer wie ihre Angehörigen bedeuten muß – auch wenn es, wie wir glauben, nur ein Aufschub ist – kann man kaum ermessen. Aber was kümmert das den Kreml? Was erwartet man von Männern, die Freiheit, Glück und Leben von Millionen ihrer eigenen Landsleute skrupellos zerstören?

Woher kommt denn die törichte Legende, der Kreml sei vertragstreu? Er schloß Verträge mit Estland, Lettland und Litauen über ihre Unabhängigkeit, er hat sie gebrochen. Er erkannte Polen an, er brach den Vertrag. Er sagte in Potsdam die deutsche Einheit zu, er brach das Abkommen. Er versprach, die deutschen Grenzen bis zum Friedensvertrag nicht zu ändern, er brach das Versprechen. Er garantierte die freie Verbindung mit Berlin, er brach sein Wort. Nur wenn Gewalt ihn zwang, hat er Verträge erfüllt: Molotows Pakt mit Ribbentrop zum Beispiel über die Lieferungen für den Krieg.

Der Kreml hat sein Ehrenwort gegeben, die Gefangenen freizulassen. Er kann sich darauf verlassen, daß die Art, wie er mit seinem Wort umspringt, in Deutschland äußerste Erbitterung hervorruft. Man kann die Anklagen geschändeter Menschen und Völker mit Gewalt unterdrücken – zum Schweigen bringt sie keine irdische Macht. Uns bleibt die eine Gewißheit: Regime, die sich auf Unmenschlichkeit gründen, hat die Geschichte noch immer zum Untergang verdammt. v. Z.