Drei Uhr und zwanzig Minuten nach Mitternacht in der prächtigen Villa Dompierre, die, in einem Vorort von Genf gelegen, von der Delegation der Großen Macht bewohnt wird.

Der dritte Sekretär, dem Chiffrebüro zugeteilt, übersetzt eine eben aus der fernen Hauptstadt eingetroffene Botschaft. Es ist ein noch junger, blonder, bebrillter Mann mit dem blassen Gesicht des Asketen. Mit unglaublicher Schnelligkeit überfliegen seine Finger die drei Geheimschüssel, die nötig sind, um das Telegramm zu entziffern. Dann schreibt er die entsprechenden Worte nebeneinander.

Es handelt sich um eine persönliche Anweisung des Obersten Chefs an den Außenminister Kovag, Leiter der Delegation. Seit dreiundeinhalb Jahren stockt nun schon die Konferenz über dem unüberwindlichen Gegensatz verschiedener Thesen, doch hatte während der ganzen Zeit der Oberste Chef nur zweimal direkt seine Anweisungen gegeben. Trotzdem das blasse Gesicht des Asketen, dank jahrelangem Training, jedes Gefühl unter einer gleichmütigen Maske zu verbergen weiß, ist der junge Mann innerlich erregt.

An einer gewissen Stelle in der Übersetzung angelangt, steht er sogar auf und setzt seine Arbeit so fort, als gelänge es ihm nicht anders, seiner inneren Erregung Herr zu werden. Denn das, was ihn nun die Übersetzung wissen läßt, ist außerordentlich seltsam: "... wir überlassen es Ihnen morgen früh, bei der Plenarsitzung des Rates den geeigneten Augenblick auszuwählen, um das auszuführen, was unter dem Protokoll 9000, Paragraph a, vorgesehen ist..."

Das Protokoll 9000! Unter den Eingeweihten in die Geheimnisse der Diplomatie der Großen Macht ist dieses Dokument schon fast legendär. Es behandelt die zu ergreifenden Modalitäten im Falle einer hypothetischen Lage, die sich seit Menschengedenken in der Geschichte der Großen Macht nicht mehr zugetragen hatte!

Und trotzdem, es sei denn, es wäre beim Durchsagen des Telegrammes ein gewaltiger Fehler unterlaufen, ist das Dokument klar genug. Um ganz sicher zu gehen, überprüft der dritte Sekretär noch einige Male die Chiffren und den Schlüssel, dann geht er unhörbaren Schrittes zur Tür, öffnet sie und sagt mit leiser Stimme: "Dominez, bitte, komme einen Augenblick her."

Dominez ist der erste Sekretär des Chiffrebüros und hat diese Nacht Dienst für die Ausnahmefälle. Er erhebt sich sofort bei den Worten des Kollegen von seinem Ruhebett, wo er zu schlafen versucht hatte. Auch er ist noch jung, aber mit massigem und schwerem Körper. Seine Züge, die wohl ursprünglich zu Mitteilsamkeit und Optimismus neigten, sind wie die seines Kollegen in jahrelanger Übung erfroren. Unbeweglich, in einer Art von stumpfer Konzentration, ließen sie niemals ein Gefühl durchscheinen, weder im Guten noch im Bösen, weder pro noch contra.