Eine Kritik an Hans Sedlmayrs neuer Schrift "Die Revolution der modernen Kunst"

Von Christian E. Lewalter

Die Kunst, o Mensch, hast du allein! Schiller

Die janze Richtung paßt mir nicht

Kaiser Wilhelm II.

Über nichts wird in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts mit solcher Heftigkeit, solcher Erregtheit und Gereiztheit gestritten wie über die bildende Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts. Was kann der kühlere Beobachter aus diesem Aufwand an Emotionen für Schlüsse ziehen? Zunächst wohl den, daß hier, mag auch das Wort Kunst in den Widerreden so häufig vorkommen wie Banknoten während einer Inflation, dennoch nicht über Kunst "an sich" verhandelt, der Streit also nicht auf der Ebene der Kunst allein ausgetragen wird, sondern daß es um die Funktion der Kunst im Leben und Glauben der heutigen Menschen geht und daß diese Funktion heute für fundamentaler angesehen wird als in jener Zeit, da man alles Heil oder alle Verderbnis von wahren oder falschen Gesellschaftsordnungen, Bekenntnissen, Staatsformen oder Ideologien erhoffte oder befürchtete.

Aufgabe des wissenschaftlichen Kunstforschers wäre es, diese geschichtlich neuartige und vielen Mitredenden noch durchaus unklare Situation sine ira et studio aufzuhellen. Sine ira – also ohne Groll auf Künstler oder Kunstwerke, die ihm seiner subjektiv-privaten (also außerwissenschaftlichen) Weltansicht gemäß unliebsam sein könnten. Und sine studio – also ohne eiferndes Beweisenwollen, was zu beweisen man sich aus subjektiven Neigungen und Abneigungen heraus vorgenommen hat.