Es wurde von Erziehung, Beruf, Geld und Familie in ihrer Bedeutung für die Struktur der englischen Gesellschaft gesprochen. Die vielen Gruppierungen, die sich daraus ergehen, lassen sich zu drei großen Gruppen zusammenfassen: Arbeiter, Mittelstand, Aristokraten. Der Autor hat sich dafür entschieden, diese Namen trotz mancher Bedenken beizubehalten, statt vorsichtiger etwa "Gruppe l, Gruppe H und Gruppe HI" zu unterscheiden. Zu den "Aristokraten" werden aber nicht etwa- nur die 1021 Familien gezählt, die im Debrett (dem englischen "Gotha") stehen, sondern darunter wird die gesellschaftliche Spitzenklasse m einem sehr weiten Sinne verstanden, einschließlich der Gruppe, die man oft auch als "gehobener Mittelstand" bezeichnet findet. An die Stelle der "typisch englischen Familie" treten damit mindestens drei typisch englische Familien. Jeder von ihnen wollen wir einen Besuch abstatten. Ted Wilson war früher Gießer und arbeitet jetzt &l$ Portier in einem der riesigen Geschäftsblocks, lie in der Londoner City immer zahlreicher werten. Monatelang bin ich jeden Tag mehrmals bei hm vorbeigegangen. Und monatelang führten wir eden Tag die gleiche Unterhaltung: Er: "Nice day iday, Sir" — ich: "Yes, nice day today, Ted Ted ar bei seiner Interpretation des Wetters immer seh- großzügig; nur wenn es wirklich in Strömen goß ("Katzen und Hunde regnete", wie man in ,t 1 gland sagt), erlaubte er sich gelegentlich die ariaate: "Not so nice today, Sir Bis der große as kam, wo er ganz ungewöhnlich mitteilungsiürftig wurde und seiner wie immer optimistien Beurteilung des Wetters anfügte: "Good for <es" (gut für die Pferde). Das war noch nicht Kommen, und ich überfegte krampfhaft, was ohl in einem solchen Falle die vom Zeremoniell der Konversation vorgeschriebene Antwort sein körinte. Nachdem ich begriffen hatte, daß es sich um eine Anspielung auf das bevorstehende Pferderennen handeln mußte, fiel mir glücklicherweise ein, was ich kurz zuvor von einem Sportjournalisten gehört hatte, und ich riskierte: "Sie sollten ein paar Schillinge auf What No Sun setzen — Das Rennen wurde vom Rundfunk übertragen, und wir folgten dem großen Ereignis gemeinsam am Lautsprecher. What No Sun, kam unter "ferner liefen" durchs Ziel. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Aber Ted strahlte. Er hatte besser als ich selber gewußt, daß mein "Tip" nichts anderes gewesen war als der Ausdruck des guten Willens, überhaupt etwas zu sagen. Gesetzt hatte er auf ein ganz anderes Pferd — auch noch auf das richtige.

Am gleichen Abend erklärte mir Ted in vielen erstaunlichen Einzelheiten, warum "sein" Pferd gewinnen mußte. Wir tranken eine Menge von dem lauwaimen, deutschem Gaumen fade schmeckenden Getränk, das sich in England für Bier ausgibt — "pints of bitter" — und schieden als gute Freunde. In unsere Morgenunterhaltungen wurden von da an die Aussichten für das Abschneiden von Pferden und Hunden und Fußballmannschaften mit aufgenomme i.

Wetten und Spekulieren ist in England nationale Leidenschaft. Die säuberliche Klassentrennung zeigt sich auch da, allerdings ein wenig verwischt. Eigentch wetten Aristokraten auf Pferde, der Mittelstand auf Börsenkurse, Arbeiter auf Windhunde. Manche Pferderennen sind jetzt noch ein aristokratisches Privileg — die von Ascot vor allem. Andere wurden schon sehr bald zum allgemeinen Volksfest mit Würstchenbuden und Rummelplatz — besonders das Derby (sprich: dahrbi) im Londoner Vorort bpsom. Windhundrennen — ein reines Glücksspiel, da Hunde sehr viel unberechenbarer sind als Pferde — finden ihr Publikum fast ausschließlich unter Arbeitern und gesellschaftlich schwer festlegbaren geschlossen für jemanden, der etwas auf sich hält, viertes Kind kommt demnächst zur Schule. Für Noch unangenehmer überrascht war eine deutsche einen achtköpfigen Haushalt, der auch gewisse Besucherin, der erklärt werden mußte, daß Kakao Repräsentationspflichten hat (und, was im engliein "gesellschaftlich unmögliches" Getränk ist, des- sehen Mittelstand sehr wichtig ist, nicht offensichtTypen fragwürdiger Herkunft. Das schöne Gleichgewicht wurde gestört durch den Neuankömmling Fußballtoto, der ganz bewußt als Börse des kleinen Mannes aufgezogen ist: der wöchentliche Einsatz heißt "Investition", und die glücklichen Tipper kriegen keinen "Gewinn" ausgezahlt, sondern eine erste, zweite oder dritte "Dividende". Die Kunden des Fußballtotos sind vor allem in den unteren Re~ %gionen des Mittelstandes und in der Arbeiterklasse zu Hause.

Es kam der große Tag, wo Ted Wilson behauptete, ich müsse nun auch die "Missus" kennenlernen, und ob ich vielleicht zum supper mitkommen wollte. (Ted sagte supper — andere Arbeiter habe ich das Abendessen auch "tea" nennen hören ) Gemeinsam fuhren wir nach Stanmore. Die Straße, in der Ted wohnt, hat eigentlich nur zwei Häuser, eins rechts und eins links, jedes etwa 400 Meter lang und aus völlig gleichförmigen Gliedern zusammengesetzt, die sich dauernd wiederholen: eine Steintreppe, die zu einer kleinen Tür führt; daneben zwei Fenster; darunter ein Kellergeschoß; darüber zwei Stockwerke mit je vier Fenstern; auf dem Dach sechs seltsame kleine Röhren als Schornsteine und eine Fernsehantenne. Alles wirkt voft weitem schmucklos, grau, ziemlich trist. Ich war nie zuvor in der Gegend gewesen.

In England entspricht die regionale Verteilung von Wohngegenden der sozialen Struktur. Sage mir, wo du wohnst, und ich willdir sagen, wer du bist.

Und wo gesellschaftlich verschieden bewertete Wohngebiete aneinander grenzen, da haben die Straßen ein gutes Ende und ein weniger gutes.

Wenn man die gleiche Art von Leuten besucht, kommt man also immer wieder in die gleichen Gegenden. Nehmen wir London als bekanntestes Beispiel: im Stadtinnern verschiebt sich die "vornehme Wohngegend" immer weiter nach Westen.