s. u., Bremen

Zum vierten Male wählten Bremens Bürgerschaftsabgeordnete ihren bisherigen Präsidenten August Hagedorn wieder in sein Amt; aus vielerlei Gründen, von denen er einen gleich anschließend rechtfertigte: Er fand goldene Worte politischer Mäßigung, nachdem seine Partei bei den jüngsten Wahlen mit 52 von hundert Mandaten die absolute Mehrheit in der Bürgerschaft errungen hatte. Gleich seinem Parteifreund Bürgermeister Kaisen, der damals erklärte, die SPD müsse auch einen so eindeutigen Wahlsieg mit Ernst und Würde hinnehmen, versprach Hagedorn, die parlamentarischen Entscheidungen sollten in der nun kommenden Legislaturperiode in keinem Fall aus dem Plenarsaal in das Fraktionszimmer der Mehrheitspartei verlegt werden. Er sei der festen Überzeugung, die SPD werde ihre Stärke nicht dazu benutzen, die anderen Fraktionen zu majorisieren.

Die künftigen Koalitionspartner – nach dem jetzigen Stand der Verhandlungen werden es wieder CDU und FDP sein – hörten es wohl und waren erstaunt, als sie feststellten, daß der SPD-Fraktionsvorsitzende Richard Boljahn es offenbar nicht gehört hatte. Dieser nämlich zeigte eine solche Zurückhaltung nicht, im Gegenteil. Gegen alle Regeln der Weltklugheit, nicht mit seinem Glücke zu prahlen, sondern am Neide der anderen genug zu haben, wünschte er den absoluten Sieg seiner Partei zur Schau zu stellen. Darum hatte er die Parole ausgegeben, alle SPD-Abgeordneten sollten mit einer roten Nelke im Knopfloch erscheinen. Der Unterschied zwischen dem Kollektivschmuck und einem Parteiabzeichen oder gar einer Uniform, wie sie die Nationalsozialisten selbst in den Parlamenten nicht entbehren zu können glaubten, sei nur gradueller Art, meinten Boljahns Kritiker. Sie waren vor allem in den Reihen der siegreichen Fraktion zu finden. Zwei Drittel der SPD-Abgeordneten ließen daher ihren Rockaufschlag ohne Blütendekoration. Die Mißbilligung war unverblümt.