Berlin, Ende November

In dem wichtigen Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg verließen innerhalb kürzester Zeit aus der Elektrowerkstatt sechs Jugendliche und aus dem Werkzeugbau neun Jugendliche die Republik." Diese alarmierende Feststellung machte Albert Norden dieser Tage vor dem SED-Zentralkomitee als Beispiel für "eine Erscheinung, die jedem verantwortungsbewußten Genossen zu denken gibt, nämlich die Republikflucht einer Anzahl von Jugendlichen". Die "Anzahl" ist immerhin so hoch, daß sie Norden Anlaß gibt für eine lange und eindringliche Rede, in der eine gründliche Umstellung der gesamten FDJ- und Parteiarbeit gefordert wird, um die Jugendlichen in der Sowjetzone festzuhalten und ihnen dort das zu bieten, was sie – nach Nordens Meinung – in der Bundesrepublik suchen, nämlich ein heitereres Leben mit mehr Kino, Sport und Tanz.

Daß die Flucht der Jugendlichen über die Elbe westwärts jetzt selbst die Partei zur öffentlichen Diskussion zwingt, ist immerhin bemerkenswert. Seit Jahresanfang ist der Anteil der Jugendlichen am Flüchtlingsstrom in stetem Steigen begriffen; allein im letzten Monat waren von 32 874 Flüchtlingen mehr als die Hälfte Jugendliche unter 25 Jahren.

Wenn man mit den Menschen spricht, die seit Jahren in der Berliner Flüchtlingsbehörde arbeiten und durch deren Büros die geflüchteten Jugendlichen zunächst wandern müssen, so erfährt man übereinstimmend, daß die Jungen und Mädchen, die heute eintreffen, anders als in den Vorjahren, im Durchschnitt viel sicherer, sauberer, arbeitswilliger, mit einem Wort: "besser" wirken. Es sind weniger Halbstarke dabei, weniger finstere und unaufrichtige Existenzen. Die heute Flüchtenden wissen in der Regel genauer zu sagen, warum sie gekommen sind und was sie sich vom Westen erhoffen. In den meisten Fällen ist der Fluchtgrund die drohende Verpflichtung zur Volkspolizei, manchmal sogar schon die vollzogene; es kommt immer wieder vor, daß die Flucht noch aus der Kaserne gelingt, nachdem die "Alten" die Neuankömmlinge aufgeklärt haben.

So kommen sie in Berlin an, manche gut vorbereitet und mit Fluchtgepäck, gelegentlich aber auch Jungen, die in Monteuranzug und Holzpantinen direkt von der Arbeit weggelaufen sind, in panischem Schrecken, als sie hörten, daß gleich der KVP-Werber mit dem Verpflichtungsschein in die Werkstatt kommen würde. Dann sitzen sie in Berlin und warten auf den Abflug ins Jugendflüchtlingslager Sandbostel, kaum länger als acht Tage, eine Schar ängstlich hoffnungsvoller Jungen, manche in Hut und Wintermantel, andere in der olivgrünen Jacke der FDJ, einige einfach in Wolldecken gehüllt.

Aber nicht alle haben einen echten Fluchtgrund, und in den wenigsten Fällen liegt eine akute politische Bedrohung vor. Die Jugendfürsorger im zentralen Flüchtlingslager Marienfelde wissen von vielen Fällen zu berichten, in denen die Jugendlichen mit dem frisch erworbenen Facharbeiterbrief nach Berlin kommen, um in der Bundesrepublik in ihrem Beruf arbeiten zu können. Es ist nicht nur der Sog des westlichen Lebensstandards, die Hoffnung auf Geld und gutes Leben, die sie nach dem Westen zieht. Mindestens ebenso stark wirkt das östliche Arbeitssystem als abschreckendes, drückendes und entmutigendes Moment auf die arbeitswilligen jungen Leute ein. So harren sie geduldig aus, bis sie eine Facharbeiterausbildung vorweisen können, und gehen dann zielbewußt "hinüber". Die ungünstigen Arbeitsbedingungen und die Mühsal, mit der auch der bescheidenste Luxus erkauft werden muß, drängen mindestens so stark zur Flucht, wie die Aufdringlichkeit der politischen Organisationen und die drohende Werbung zur KVP.

Bei den Mädchen ist es ähnlich: die Dekorateurin, die die Schaufenster ihrer Kreisstadt zu allen nationalen Festtagen umdekorieren muß, nur mit politischen Losungen statt mit Material versehen, und die für alle durch Sonnen- oder Feuchtigkeitseinwirkung verdorbenen Waren aus der eigenen Tasche aufkommen muß; die Kindergärtnerin, die sich vorübergehend und nur zur Vertretung in ein Heim für schwer erziehbare Kinder verpflichtete und dann nicht mehr fortgelassen wird; die Elektroschweißerin, die sich dem anstrengenden Beruf nicht mehr gewachsen fühlt, Dreherinnen und Monteurinnen, die die "Gleichberechtigung" satt haben und auf leichtere Arbeit umsatteln wollen, Verkäuferinnen, die einmal echte Auswahl anbieten möchten – sie alle finden sich in Berlin ein, um im Arbeitsprozeß der Bundesrepublik ihren Platz zu finden.