Von Heinrich David

Johannes Gutenberg, der vor einem halben Jahrtausend zu Mainz an seiner zweiundvierzigzeiligen Bibel arbeitete, würde es gewiß verschmäht haben, die neue Kunst des Druckes mit beweglichen Lettern auf die "Gebetbücher des Teufels" anzuwenden. Ihnen hatten die neuen Techniken des Holzschnittes und des Kupferstiches den Weg von Italien nach Deutschland und Frankreich gewiesen. Und da sie noch zu Lebzeiten des Meisters weiterwanderten nach Spanien und England, sind die ältesten Spielkarten Europas als Spiegelbilder der großen Wende vom Mittelalter zur Neuzeit dennoch würdig, jetzt im Mainzer Gutenberg-Museum ausgestellt zu werden.

Niemand.weiß genau, wie sie zu uns kamen. In Ostasien gab es um das Jahr 1000 bereits Spielstäbchen, später runde Karten. Diese kunstvollen Gebilde des Ostens sind eine besondere Zierde der Mainzer Ausstellung, die dem Bielefelder Spiel-

kartenmuseum entliehen ist. Da haben die Japaner hundert Karten mit Dichterporträts und Liedanfängen. Hundert weitere Karten mit den Fortsetzungen jener Lieder, sind in der Hand der Mitspieler; es ist fast wie unser

Dichterquartett, das die Aussteller übrigens gleichfalls unter die Spielkarten einreihten, denn die Grenzen zwischen Kartenspiel und Quartett sind fließend. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint also die Vermutung nicht abwegig, daß ein enger Zusammenhang zwischen asiatischen und europäischen Spielen bestehe.

Indessen: die in dieser Hinsicht unerbittlich strengen Sitten des Islam müssen jeden Brückenschlag verhindert haben. Und das europäische Kartenspiel folgt von seiner Geburtsstunde um 1370 bis zu seiner Reife um 1480 einem völlig eigenen inneren Gesetz, das aus keinem östlichen Vorbild abzuleiten ist: dem Gesetz der Spannung zwischen Formel und schöpferischer Phantasie. Es ist erstaunlich, daß bei einer künstlerischen Entwicklung, die von keiner kirchlichen oder profanen Seite gelenkt oder eingeengt wurde, aus den spielerisch gewonnenen Urbildern so rasch eine gültige Form wurde, die sich seither unverändert bewahrt hat. Denn seit 1480 ist das System der vier "Farben" zu jeweils zehn Zahlen und drei bis vier Bildern klassisch geblieben. In den folgenden fünf Jahrhunderten wetteiferten unter den "Farben" zwar noch lange Zeit die italienischen (Schwerter, Keulen, Becher, Münzen) mit den deutschen (Eicheln, Blätter, Herzen, Schellen) und den französischen (Kreuz, Pique, Coeur und Carreau...

Da sind die Kriegs- und Lehrspiele des 17. Jahrhunderts, französische Karten der Revolutionszeit, auf denen die Junker mit der Beischrift "Egalité" demokratisiert sind, und ein handkoloriertes Spiel der Biedermeierzeit, in dem jede Karte zwei Liedtakte mit Noten enthält. "Vogelgefieder, Mädchen im Mieder, fröhliche Lieder freuen die Brust" ergeben vier Herzkarten aneinandergereiht. Da ist ein Skatblatt, hergestellt bei Cotta, mit Illustrationen zu Schillers "Jungfrau von Orleans". Da sind die meisterlichen Entwürfe, die Carl Johann Arnold im Auftrage Friedrich Wilhelm IV. wagte: flammende Gesichter in die Karos und Herzen einkomponiert. Das Spiel wurde wegen religiöser Bedenken nicht abgenommen: Arnold hatte in die Mitte der Coeur-Fünf das Herz der Jungfrau Maria gesetzt.