Haben Sie denn bei Ihrer Reise den Eisernen Vorhang bemerkt?", fragte mich Botschafter Semjonow ein wenig überlegen lächelnd, als wir bei dem großen Staatsempfang für Bundeskanzler Adenauer im Kreml nebeneinander standen. Ich antwortete, ich hätte ihn nicht bemerken können, weil wir geflogen seien. Schon am Tag zuvor hatte ein sowjetischer Journalist mir in einem langen Gespräch auseinandergesetzt, der Eiserne Vorhang sei eine Erfindung des Westens. "Viele kommen unbehindert aus dem Westen in die Sowjetunion, aber sie dürfen zu Hause davon nichts erzählen, sonst bekommen sie Schwierigkeiten" – womit er beweisen wollte, daß es der Westen sei, der diese Barriere errichtet habe. (Davon, daß der Präsident des Roten Kreuzes seit einem Jahr vergeblich auf ein russisches Visum wartet, hatte er noch nie etwas gehört.)

Das war im September in Moskau. Jetzt in Genf kam eine sehr andere sowjetische Einstellung zum Ausdruck. Ein Memorandum der drei westlichen Außenminister, das in siebzehn Punkten Erleichterungen für Ost-West-Kontakte vorschlug (fünf zur Behebung von Grenzschwierigkeiten, fünf weitere zur Erleichterung des Personenverkehrs und sieben Punkte zur Verstärkung des freien Ideenaustausches) wurde glatt abgelehnt, weil dies nur dazu dienen würde, eine Handhabe zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Sowjetunion zu bieten.

Woher diese plötzliche Sinnesänderung? Warum hat Moskau die Entspannung, die im Juli in Genf eingeleitet worden war, so brüsk abgebrochen? Und wieso wird die absolute Erfolglosigkeit dieser Konferenz der östlichen Presse jetzt nicht als ein Beweis für die westliche Böswilligkeit angeprangert?

In der Iswestija Prawda und Rundfunk haben ähnliche Kommentare – heißt es, die Konferenz werde der internationalen Zusammenarbeit von Nutzen sein. Sie habe dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf die dringendsten Probleme unserer Zeit hin zu lenken, und das müsse sich positiv auswirken. Mit anderen Worten: Moskau hat erreicht, was es wollte. Warum aber wollte Moskau keinen Fortschritt?

Folgen der Entspannung

Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens mag es daran liegen, daß die Entspannungspolitik für Moskau bereits den optimalen Nutzen erbracht hat, eine Fortsetzung aber Folgen zeitigen würde, bei denen die Nachteile "drinnen" die Vorteile "draußen" aufgewogen hätten. Man kann nämlich Entspannung nicht lokalisieren. Das heißt: Die Entspannung, die zur Freude Moskaus die westliche Welt aufzuweichen begann, ist sicherlich auch innerhalb des sowjetischen Satelliten-Imperiums nicht ohne Wirkung geblieben. Vielleicht war das der Grund, warum zunächst einmal eine Beendigung jener Entwicklung geboten schien; denn es ist ja keineswegs so, wie Botschafter Semjonows Frage glauben machen wollte, daß die westliche Welt den Eisernen Vorhang unter allen Umständen nötig hätte.

Es ist vielmehr gerade umgekehrt. Schließlich war es Moskau, das den europäischen Staaten verbot, am Marshallplan teilzunehmen; es ist Moskau, das die westlichen Rundfunksendungen stört, damit die "Sowjetmenschen" nicht erfahren, wie es anderwärts in der Welt aussieht; und es waren Kommunisten, die von Lübeck bis Hof mitten durch Deutschland eine mittelalterliche Demarkationslinie gelegt haben, um die Deutschen der Ostzone daran zu hindern, das kommunistische Paradies – das "Land der Zukunft" –, die DDR, zu verlassen und in die Bundesrepublik abzuwandern. Kein Zweifel, der Abbau des Eisernen Vorhangs hätte den Osten wesentlich härter getroffen als den Westen. Das ist ein Beweis für die Stärke des Westens; ein Beweis, den niemand würdigt, der aber, wäre es umgekehrt, vom Osten Tag und Nacht gepriesen und aller Welt vor Augen geführt würde.