Daß das Berliner Theater zwischen 1900 und 1933 seine "große Zeit" hatte, ist schon fast ein Lehrsatz geworden – ebenso auch, daß drei Namen die Gipfel des Aufstiegs bezeichnen: Otto Brahm, Max Reinhardt, Leopold Jeßner. Keiner von ihnen hat seine Memoiren geschrieben, wohl aber gibt es schon heute reichliches gedrucktes Material von "Erinnerungen an ..." (eben diese drei). Gerade jetzt jedoch erscheint ein Buch, das außer Beiträgen zu diesen Standardporträts die Überraschung eines Selbstporträts bringt:

Rudolf Bernauer, "Das Theater meines Lebens. Erinnerungen." Lothar Blanvalet Verlag, Berlin, 412 S., 32 Tafeln, 16,80 DM.

Auf dem Umschlag ist vermerkt, Bernauer habe "als einziger der großen Vier der glanzvollsten Epoche des deutschen Theaters" seine Memoiren hinterlassen. Da mag mancher stutzen und fragen: waren es denn vier? Die Antwort muß positiv sein – wenn es auch keineswegs ein bloßer Zufall ist, daß der Vierte im Bunde sich erst (aus dem Grabe, denn er ist 1953 im Londoner Exil gestorben) melden mußte, bevor jener obenerwähnte Lehrsatz von der Dreizahl korrigiert werden konnte.

Denn Bernauer – die älteren Theaterfreunde werden sich erinnern: Theater in der Königgrätzer Straße (heute Hebbel-Theater), Direktion Meinhard und Bernauer, berühmte Aufführungen von Stücken Wedekinds, und Strindbergs. mit Irene Triesch, Maria Orska, Ludwig Hartau – hat auf recht eigentümliche Weise seinem eigenen Nachruhm im Licht gestanden: Der ebenso sensitive wie vitale, ebenso unternehmungsfreudige wie verletzliche Theatermann hatte eine leichte Ader beim Abfassen von Operettentexten und führte auch selbst, zusammen mit dem Charakterkomiker Carl Meinhard, ein Haus für Operetten und Possen, bevor er in der heutigen Stresemannstraße eine Bühne mit seriösem Ehrgeiz eröffnete. Die Kritiker der großen Zeitungen, ganz auf "Literatur" eingeschworen und die "leichte Kunst" über die Achsel ansehend, verdachten ihm dies Doppelspiel – als könne jemand Strindberg nicht gut aufführen, wenn er auch das Libretto zu Leo Falls "Madame Pompadour" schreiben kann. Diese Mißachtung, die Bernauer manche Enttäuschung eingetragen hat, gehört auch zur Geschichte der "glanzvollsten Epoche", nämlich zur Charakterisierung der von der Nachwelt so sehr überschätzten Theaterkritik jener Zeit, die heute fast als ebenso "groß" gilt wie die von ihr so oft und so schnöde geschmähten bedeutenden Theaterkünstler. Da konnte es vorkommen, daß der große Paul Wegener, nachdem er den Macbeth gespielt hatte, als "stupsnäsiger Driescheleit, ein Fleischersknecht aus Tapiau am Pregel" verulkt wurde, und seine Lady Macbeth, die große Irene Triesch, als "das schöne Rosettchen, eine ehemalige Mantelnäherin aus Mährisch-Ostrau", die mit jenem "in einem Kellerlokal der Kleinen Hamburger Straße Bekanntschaft gemacht, und schon manchmal ein Ding gedreht hat".

Und diese Infamie sproßte am grünen Holz des "Berliner Tageblatts"! Auch daran muß man sich erinnern – sowie daran, daß Bernauer, wie er höchst ergötzlich zu erzählen weiß, eines Abends, im September 1912 bei der Premiere von Anzengrubers "Viertem Gebot" beobachtet, wie der gestrenge Wegener-Verurteiler, der "BT"-Kritiker Paul Schienther, ehemals Direktor des Wiener Burgtheaters und eine unangefochtene Autorität in Theaterdingen, bereits vor der großen Pause das Theater verließ (wie es seine Gewohnheit war), um in der Redaktion seinen "Verriß" zu schreiben, und wie es dem pfiffigen Bernauer gelang, den Chefredakteur Theodor Wolff auf dies Verfahren noch vor Ende der großen Pause aufmerksam zu machen – worauf der gestrenge Kunstrichter von seinem Redaktionssessel aus alsbald .feststellte, die Darstellung sei nach der Pause "vom Volksmäßigen bis hinauf ins Menschliche gelangt" ...

Die bezeichnende Episode mag andeuten, was alles der Leser bei Bernauer erfährt. Doch es sind nicht, nur solche leicht skandalösen Details.Es ist auch, und vor allem, die redliche Arbeit an Dichtungen, deren Größe Bernauer spürsinnig erkannt hatte, die Förderung von Darstellern, die durch Bernauer zur Reife ihrer Kunst geführt wurden. Und nicht ohne Wehmut wird der Zeitgenosse des total subventionierten Theaterbetriebs sich unterrichten lassen, wie damals zehn wirklich glanzvolle Jahre hindurch zwei "Unternehmer", die von Grund auf Künstlernaturen waren, die Geschichte des deutschen Geistes ein beträchtliches Stück weiterrücken lassen konnten, weil ein aufgeschlossenes, voll zahlendes Publikum ihr Unternehmen rentabel machte. c. e. l.