Es heißt, daß der erste Gefangene des Menschen, sein erster dienstbarer Geist, das Feuer war, noch ehe es Wagenrad und Haustiere, noch ehe es überhaupt ein Haus gab. Der Herd, die Feuerstelle zum Kochen und Heizen, ist dann die eigentliche Urzelle des Hauses geworden: Als der Mensch begann, die Feuerstelle mit Wand und Dach zu umbauen, entwickelte sich das Haus sozusagen von selbst. Der Mittelpunkt des Hauses, nämlich der Herd, war auch das Zentrum allen familiären, religiösen und kulturellen Lebens. Am Herd standen die Hausgötter, an ihm wurden Eide geschworen, über ihn hinweg Eheversprechungen gegeben und an ihm Opfer dargebracht.

Als die Menschen lernten, ihre Wohnräume besser auszunutzen, wurde der Herd vom Zentrum des Hauses an die Giebelwand verlegt. Dies hatte auch den Vorteil, daß man nun den Rauch, der sich bisher selbst einen Weg aus dem Haus gesucht hatte, durch Rauchfang und Schornstein ableiten konnte. Der Herd wurde umhüllt, weil die Menschen Angst vor dem Feuer kriegten, und es entstand der Ofen. Noch der Heidedichter Hermann Löns hat dem offenen Feuer nachgetrauert: "Wie arm wären wir wohl an Liedern und Märchen, hätten wir das offene Feuer nicht gehabt, sondern von jeher Öfen, geschlossene Feuerstätten, die das Herz nicht erwärmen und die Seele frieren lassen, die keinen warmen Schein auf stille Gesichter werfen, nicht mit roten Funken die Augen himmelan führen..."

Aber hier irrte Löns. Es sind auch nach der Entstehung des geschlossenen Ofens noch Märchen entstanden. Ja, der Ofen spielt doch in manchen Märchen eine wichtige Rolle. Hänsel und Gretel verbrennen ihre Hexe darin; das fleißige Mariechen in "Frau Holle" zieht die Brote aus dem Backofen,

Schon in römischer Zeit ist aus dem offenen Herd durch Ausfütterung der Herdgrube mit Steinen der Ofen entstanden, zunächst nur verwendet als Back- und Kochofen, als Brennofen für keramische Erzeugnisse und als Schmelzofen für Erze. Im achten Jahrhundert baute man gemauerte Öfen, um die Zimmer zu heizen. Aus diesen gemauerten Ziegelöfen entwickelten sich – zuerst im neunten Jahrhundert in der Schweiz nachweisbar – die Kachelöfen, die sich seit dem zwölften Jahrhundert auch in Deutschland verbreiteten. Seither wurden einige Öfen als Kunstwerke berühmt. So der gotische Kachelofen in der Goldenen Stube auf der Hohensalzburg, errichtet im Auftrage des Bischofs von Salzburg, der 1501 nach vierzehnjähriger Arbeit fertiggestellt wurde. Er ist der schönste Ofen der Gotik und vielleicht der schönste Ofen der Welt. Die Kacheln wurden in monatelanger Arbeit plastisch durchgestaltet und zu einer gigantischen Ofenburg aufgetürmt, die auf den Köpfen von fünf Löwen ruht.

Die Unrentabilität der Öfen war es daher, die Friedrich den Großen nach dem Siebenjährigen Krieg veranlaßte, durch die Preußische Königliche Akademie der Wissenschaften ein Preisausschreiben zu veranstalten: "auf einen Stubenofen, so am wenigsten Material verzehret." Aus den Anregungen dieses Preisausschreibens entstand die Grundform des späteren Berliner Kachelofens.

Daß der Ofen, der mehr und mehr technisch durchgestaltet wurde, damit etwas von seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung verloren hätte, daß er "entmystifiziert" wurde, ist falsch. So berichtet zum Beispiel eine alte Chronik aus dem Jahre 1759 vom Verkauf des Schlosses Ahrensburg bei Hamburg. In der vom Notar ausgefertigten Übergabeakte war vermerkt, daß nach der Schlüsselübergabe vom Grafen Rantzau als Verkäufer im Schloß das Feuer des Hauptofens eigenhändig ausgegossen ward und es vom Grafen Schimmelmann als Käufer "zum Zeichen der aktuellen Besitznahme wieder angemacht und hierdurch die wirkliche Tradition bewürcket worden" war. Ortwin Fink