Unter dem besonderen Aspekt der Entwicklung der Gefühlskultur ist die deutsche Dichtung bisher wohl in kleineren Einzelphasen, noch nicht aber in ihrem Gesamtzusammenhang untersucht worden. Diese reizvolle, aber auch schwierige Aufgabe hat der Schweizer Hermann Boeschenstein in Angriff genommen mit einem Werk, dessen erster Teil jetzt vorliegt:

Hermann Boeschenstein: "Deutsche Gefühlskultur. Studien zu ihrer dichterischen Gestaltung. 1. Band. Die Grundlagen. 1770–1830." Verlag Paul Haupt. 379 S., 17,80 DM.

Man nimmt den Band mit großer Erwartung zur Hand, weil diesem Versuch schon im Klappentext eine "wesentliche Korrektur und Ergänzung der bisherigen Literatur- und Geistesgeschichte" zugerühmt wird, muß aber bald feststellen, daß Boeschenstein in mancher Hinsicht unter den bereits geleisteten Vorarbeiten zu einer Geschichte der deutschen Gefühlskultur zurückbleibt. Gegenüber derartigen, meist aus dem rein wissenschaftlichen Bereich stammenden Studien macht sich bei Boeschenstein ein störender Mangel an Systematik bemerkbar, denn seine Darstellung folgt nicht der historischen Entwicklungslinie, sondern entfaltet sich in verwirrenden Vor- und Rückgriffen urd wird überdies durch eine entschieden zu breite Behandlung der Schweizer Sonderentwicklung von Pestalozzi bis zur Moderne fast gesprengt. Besonders schwerwiegend ist die Tatsache, daß Boeschensteins Buch schlechterdings ein unumgängliches Anfangskapitel fehlt: nämlich die Erwähnung und Würdigung der revolutionären Leistung, die Klopstock in diesem Zusammenhang zuerkannt werden muß. Auch gegen die sprachliche Form des Buches wäre einiges einzuwenden. Es ist zwar zu begrüßen, daß der Verfasser die respektable Fülle des ausgebreiteten Stoffwissens auf eine möglichst zwanglose Art bietet, und es muß ihm auch zuerkannt werden, daß er Saloppheit und Präzision in mancher Formulierung schlagend vereinigt. Leider aber kommt auf jeden Treffer dieser Art eine unverhältnismäßig hohe Zahl von "Fehlschüssen" folgender Art: "Besitzt Novalis die apostolische Kraft, Wunder zu tun, hat er den Kompaß, der das Tor des Paradieses findet, oder rasselt er nur so mit dem Schlüsselbund der Phantasie, ohne den rechten Bart zu kennen? ... Hyperion stürzt sich ja als Begeisterter in geschichtliche Ereignisse, die er wie das Düsenflugzeug die Luft als neue Begeisterung einsaugt."

Es wäre zu hoffen, daß Boeschenstein für den vorgesehenen zweiten Band sein Darstellungsverfahren noch einmal revidiert, um den Lesern zu einem reineren Genuß seiner teilweise durchaus anregenden Aspekte zu verhelfen. -er.