"Die gesteigerte Aktivität des deutschen Bauernverbandes... ... ist nicht als Zeichen einer allgemeinen Notlage in der Landwirtschaft zu werten, sondern als Zeichen einer politischen Vertrauenskrise. Nach der guten Ernte dieses Jahres und nach den verschiedenen Ansätzen zu einer Besserung des landwirtschaftlichen Einkommens – z.B. durch die Erhaltung eines stabilen Butterpreises, durch die Erholung der Schweinepreise, durch die guten Kartoffelpreise u. a. – wäre es nach unserer Meinung falsch, die derzeitige wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft schwarz in schwarz zu malen. Jedoch ..."

Zitat aus der "Landwirtschaftlichen Zeitschrift", Nr. 45/1955

Das niedersächsische Landvolk unter der Führung des Bauernverbandspräsidenten Rehwinkel, der seinerseits wieder von den Herren Deetjen und Paczyna beraten wird, hat in einer Kundgebung am 12. November in Hannover beschlossen, daß – wann, wurde noch nicht gesagt – eine Urabstimmung der Bauern stattfinden soll. "Wenn die Landvolkführung dazu aufruft", und "für einen Zeitraum, den die Landvolkführung bestimmt", sollen "weder land- oder hauswirtschaftliche Maschinen oder Geräte, Mineralöl, Dünger, Kraftfutter oder sonstige Betriebsmittel noch Hausrat, Bekleidung oder Schuhwerk gekauft werden". Die Urabstimmung, deren Ergebnis ja wohl nicht zweifelhaft sein dürfte, bedeutet also noch nicht den Käuferstreik, sondern gibt lediglich der Leitung des niedersächsischen Bauernverbandes die Vollmacht, den Boykott zu verkünden, und das für unbestimmte Dauer. Das Streikkomitee braucht andererseits nicht zum Boykott aufzurufen, selbst wenn sich 99,9 v. H. aller Stimmberechtigten – aber wer ist da eigentlich stimmberechtigt? – für die Aktion erklären sollten; es kann für den Fall, daß "Regierung und Parlament (in der Frage der Milchpreiserhöhung, um die es da geht) den Worten die Taten folgen lassen", auch alles wieder abblasen.

Ob das ganze Manöver mit der Käuferstreikdrohung, hinter der ja die alte und bisher stets wirksame Parole von der (angeblich) drohenden politischen Radikalisierung "des" Landvolkes steht, ausreichen könnte, um Regierung und Parlament zu einem für die Bauernverbands- . leitung akzeptablen Kompromiß beim Milchpreis zu bewegen, muß abgewartet werden. Für sich allein betrachtet, also ohne das Argument von der "politischen Radikalisierung" – bei dem es sich allerdings gerade jetzt im Moment die beklemmendePerspektive auftut, daß es zur Bildung einer Fassbender-Partei kommen könnte! – ist die Käuferstreikdrohung alles andere als schrecklich. Die Redensart unserer Großmütter, mit der diese ihre Enkel bedachten, wenn sie sich beim Essen "krüsch" anstellten, kennt man vermutlich auch in Niedersachsen; in Oberdeutschland lautet dieser Spruch: "Wer trotzt an der Schüssel, dem schadt’s an sein’m Rüssel!" Etwas weniger rustikal ausgedrückt, bedeutet das: Nachteile aus einer selbstgewählten Isolierung hat jeder mit sich selber auszumachen ... Und da niemand wird bestreiten können, daß die Bauern in Niedersachsen ja gar nicht das Geld haben, Überflüssiges zu kaufen, trifft eine Kaufenthaltung – wenn sie überhaupt zur Wirkung kommt, d. h. falls man sich nicht mit dem Effekt des Streikbeschlusses begnügt, und im übrigen alles für Betrieb und Haus Notwendige so, wie bisher, einkauft – in erster Linie die Bauern selber ... und in zweiter Linie ihre Freunde aus dem gewerblichen Mittelstand, auf deren Hilfe jedes selbständige politische Vorgehen des Landvolks zwangsläufig angewiesen ist.

Die "Mobilmachung" der Bauern in der Vorbereitung und Durchführung der sogenannten Urabstimmung ist also eine verhältnismäßig einfache Angelegenheit, und ebenso einfach wäre die "Kriegserklärung", durch Proklamieren des Käuferstreiks. Schwierig ist nur, was danach kommt, also die Durchführung der Aktion – und, vor allem, ihre Beendigung. Wie schon eine Grundregel aller Strategie besagt, ist es relativ leicht, mit stärkeren Bataillonen in ein benachbartes Territorium einzumarschieren, aber ungemein schwer, die Besetzung eines Tages "erfolgreich" zu beenden: ohne eigenen Prestigeverlust, unter dem Vorhaben, die politischen Ziele der Aktion seien "voll und ganz erreicht" ... Da gilt also das alte Wort quidquid agis, prudenter agas, et respice finem – oder, um einen deutschen Text auf den niedersächsischen Bauernboykott abzuwandeln: "O streik’, solang’ du streiken kannst, o streik’, solang’ du streiken magst – die Stunde kommt, die Stunde kommt, da du dem Streiken gern entsagst!"

Darüber dürfte man sich ja wohl auch in Hannover klar sein, und deshalb wird man dort jetzt mit einiger Ungeduld in Richtung Bonn Ausschau halten, ob sich da ein Kompromiß anbahnt, das akzeptabel erscheint: damit der Streik gar nicht erst stattzufinden braucht. Freilich hat man sich mittlerweile selber ein Einlenken bis fast zur Unmöglichkeit dadurch erschwert, daß die ursprüngliche Forderung, den Trinkmilchpreis um 4 oder 5 Pfennig je Liter "anzuheben", unversehens zu der Forderung ausgeweitet worden ist: auch die Werkmilch, also die in den Meiereien zu Butter (oder Käse, Sahne usw.) verarbeitete Milch, müsse um den gleichen Betrag verteuert werden. Das verlangt nämlich neuerdings der Rheinische Landwirtschaftsverband, während die Spitzenorganisation, also der Deutsche Bauernverband, nach wie vor nur von der Preisanhebung für Trinkmilch spricht. Aufs Jahr gerechnet, macht die Verteuerung der Trinkmilch um 4 Pfennig je Liter 120 Mill. DM aus, wobei zunächst offenbleiben kann, welche Belastung hieraus dem Bundeshaushalt zuwächst (durch Verzicht auf Umsatzsteuer, Zahlung von Subventionen oder ähnliche unerfreuliche Manipulationen), und welche dem Verbraucher – und: ob die Hausfrau (auf Kosten des Bundeshaushalts wiederum) gleichzeitig durch eine Zuckersteuersenkung (im Betrag von 230 Mill. DM, aufs Jahr gerechnet) entlastet wird.

Würden die Bauernverbände nun aber die gleiche Verteuerung auch für Werkmilch fordern, so bedeutet das, nach den Angaben der "Landwirtschaftlichen Zeitschrift der Nord-Rheinprovinz" (Ausgabe vom 19. November), daß nicht bloß 120 Mill. DM, sondern 480 Mill. DM Mehrerlös aus der Milch verlangt werden. Dann aber geht keine Kompromißrechnung mehr auf. Auch wenn man von der (wohl richtigeren) Relation "Trinkmilch zu Werkmilch gleich 30:70" ausgeht, anstatt 25:75, kommt man immer noch zu einer Summe von jährlich 400 Mill. DM, die zusätzlich aus der Milch an die westdeutsche Landwirtschaft fließen soll. Die Frage, ob diese Forderung noch realistisch ist, kann wohl keiner von uns mit gutem Gewissen bejahen – zumal heute nicht. Denn: