Noch sind die Dinge in Argentinien in Fluß. Der erste provisorische Staatspräsident, Lonardi, mußte abtreten, weil man sich entschied, doch schärfer gegen die Reste des Peronismus vorzugehen; sein Nachfolger, General Aramburu, vermochte inzwischen die erste Machtprobe mit den Gewerkschaften, die den Generalstreik verkündeten, zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Die Abwertung des Peso, von 5–7,50 auf 18 Pesos je US-$, als erster Schritt in der Richtung eines freien Wechselkurses, war der logische Ausgangspunkt einer neuen Wirtschaftspolitik, die das Ziel verfolgte, die argentinische Wirtschaft aus ihrer Isolierung zu befreien und die brachliegenden produktiven Kräfte, vor allem der Landwirtschaft, zu mobilisieren. Allerdings schien es notwendig, um die durch die Abwertung bedingte Teuerung zu begrenzen, zunächst die Einfuhr gewisser lebenswichtiger Waren zu subventionieren und die hierfür erforderlichen Mittel durch eine Belastung anderer Ein- und Ausfuhrgüter aufzubringen; in der Sache blieb man also, einstweilen, noch bei gestuften Wechselkursen. Trotzdem löste der Teuerungsschub ernste politische Schwierigkeiten aus.

Die Diktatur Perons hatte ihre politische Basis in der industriellen Arbeiterschaft gesucht und die Treue dieser Gefolgschaft nicht nur ideologisch und organisatorisch, sondern auch materiell gesichert. Das Realeinkommen des Industriearbeiters war in den letzten zehn Jahren um 47 v. H. gestiegen, das des Argentiniers im Durchschnitt dagegen nur um 3,5 v. H. Jeder Versuch, heute den Lebensstandard des Arbeiters anzutasten, muß politische Rückwirkungen auslösen.

War es Talleyrand, der gesagt hat, mit Bajonetten könne man alles machen, nur nicht darauf sitzen? Eine vorläufige militärische Administration, der es noch nicht gelungen ist, sich eine feste politische Basis zu schaffen, ist gegenüber jedem Rückschlag besonders empfindlich. Die gemeinsame Opposition gegen Peron hatte heterogene Kräfte aus Wehrmacht, Grundbesitz, Kirche und Parteien zusammengehalten, solange der Diktator in der Macht war; sein Abgang ließ das Auseinanderstreben der Tendenzen und das Fehlen eines gemeinsamen Programms zutage treten. Wei sollte die Macht im neuen Staat übernehmen: die feudale Oligarchie? Die Radikale Partei? War es möglich, das Argentinien der Zeit vor Peron zu neuem Leben zu erwecken, oder war es nicht vielmehr notwendig, aus den Trümmern des Regimes eine neue Form sozialer Demokratie zu entwickeln?

Der vorläufige Bericht des hervorragenden Sachverständigen Raoul Prebisch über die Situation der argentinischen Wirtschaft und die zu ihrer Wiederherstellung erforderlichen Maßnahmen läßt keinen Zweifel daran, daß der Weg zur Gesundung lang und mit schweren Opfern verbunden sein wird; was man der Landwirtschaft geben will und geben muß, muß man auf anderen Gebieten der Wirtschaft einsparen. Politisch gesehen aber ist es nicht leicht für eine Regierung in Südamerika, dem Volk Entbehrungen zuzumuten, wie sie etwa England im Zeichen der austerity ertragen hat. Wenn Argentinien heute nicht bei halben Maßnahmen stehenbleiben soll, sondern die großen Aufgaben – Mechanisierung der Landwirtschaft, Steigerung der Erdölgewinnung, Aufbau von Grundindustrien, Reorganisation des Transportwesens – ernsthaft in Angriff nehmen will, so ist dies ohne die Hilfe ausländischer Anleihen nicht möglich.

In diesen Tagen hat die argentinische Regierung bei der Export- und Importbank einen Kredit von 100 Mill. US-$ beantragt, mit dessen Hilfe man die ersten Schwierigkeiten zu überwinden hofft. Es versteht sich, daß die Vereinigten Staaten, für die der soziale Friede und die demokratischen Regierungsformen in Südamerika von größter Bedeutung sind, grundsätzlich zur Hilfe bereit sind; die amerikanische Regierung mag aber, kaufmännisch denkend und auch unter dem Druck ihrer innenpolitischen Kritiker, die völlige Konsolidierung der politischen Verhältnisse in Argentinien zur Voraussetzung und die richtige Verwendung zur Bedingung von Krediten machen. Es ist zu wünsehen, daß die Verhandlungen, denen Unterhaltungen über eine größere Anleihe zu Investitionszwecken und über private Investitionen folgen sollten, sich nicht in einem circulus vitiosus verlieren, so schwierig es ist, den kühlen Bankiersstandpunkt, wie ihn etwa Mr. Humphrey verkörpert, mit der lateinischen Mentalität zu vereinen, die selbst Geschenke nur ungern mit Empfehlungen verbunden sieht.

Auf der internationalen und auf der politischen Ebene also liegen die nächsten Entscheidungen über die Zukunft der argentinischen Wirtschaft; nimmt die Entwicklung, wie wir hoffen, einen günstigen Verlauf, so werden wir Anlaß haben, uns mit den einzelnen Umstellungsproblemen Argentiniens, die auch für uns von praktischem Interesse sind, eingehender zu beschäftigen. O. O.