Es war im April dieses Jahres, als sich auf Einladung des Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Willi Daume, die Kultusminister der westdeutschen Länder, Vertreter der kommunalen Verbände und der Turn- und Sportbewegung in Koblenz zu einer Arbeitstagung trafen, um zu prüfen, mit welchen Maßnahmen für eine umfassende Leibeserziehung gesorgt werden könne. Dies geschah, wie ausdrücklich in einer offiziellen Entschließung betont wurde, "in der Sorge um die Gesundheit und Erziehung der Jugend". Inzwischen sind über sechs Monate verstrichen und, abgesehen von einigen belanglosen Mitteilungen über die Arbeit dieses oder jenes auf der Koblenzer Tagung eingesetzten Ausschusses, hat man weder etwas von der angekündigten Gemeinschaftsveranstaltung der Kultusminister, der kommunalen Verbände und des Deutschen Sportbundes, noch von einem programmatischen Plan gehört. Was wir gefürchtet und vorausgesehen hatten (DIE ZEIT Nr. 17 vom 20. April und Nr. 18 vom 5. Mai 1955) ist offensichtlich geworden : den vielen schönen Reden ist die Tat nicht gefolgt.

Die Schuld liegt nicht bei den Sportsleuten, denn die sportlichen Unterausschüsse haben ihre Gutachten längst abgeliefert; sie liegt, wie man hört, bei den Kultusministern, die durch ihre Beauftragten diesen Gutachten alle "turnerischen und sportlichen Giftzähne ziehen" wollten. So wird man also auch weiterhin die tägliche Turnstunde in der Schule entbehren müssen, die seit 95 Jahren vergeblich von verantwortungsbewußten Jugenderziehern gefordert wird. Selbst zwei Turnstunden in der Woche scheint mancherorts noch zu viel zu sein: sie stehen meist nur auf dem Papier, zumal bei vielen Lehranstalten die Möglichkeiten fehlen: entweder sind geeignete Lehrkräfte nicht vorhanden oder es steht weder Turnhalle noch Sportplatz zur Verfügung. Derartige Anlagen gehören ja leider niemals zu den ersten Bauabschnitten neuer Schulen, sondern rangieren stets am äußersten Ende.

Bei alledem hat unlängst wieder einer unserer Kultusminister eine schwungvolle Rede gehalten, in der er versprach, daß der Sport künftig mit einer starken finanziellen staatlichen Unterstützung rechnen könne, daß mehr Lehrkräfte als bisher für den Turn- und Sportunterricht herangebildet werden sollten; daß jede pädagogische Akademie von nun an einen hauptamtlichen Sportdozenten erhielte; daß die Sporthochschule in Köln den Status einer echten Hochschule erhalten werde; daß der Sport eine Förderung verdiene – nicht nur, weil er der Gesunderhaltung unseres Volkes nützlich sei, sondern weil er echte Bildungswerte vermittle.

Ganz abgesehen davon, daß diese Worte nichts als Binsenwahrheiten sind, die man nur ungern aus dem Munde eines Kultusministers vernimmt, glauben wir nach den immer wieder gemachten Erfahrungen einfach nicht mehr an solche Versprechungen und halten die Bitte um Geduld an die "ungeduldigen Männer" von Turnen und Sport für einen schlechten Witz. Wie kann man um weitere Geduld bitten, wenn noch nicht einmal der Wunsch aus dem Jahre 1860 nach der täglichen Turnstunde, der am leichtesten von allen und sofort erfüllt werden könnte, berücksichtigt worden ist!

An dieser Situation werden auch die Mitglieder des Finanz- und Sportausschusses des Deutschen Städtetages nichts ändern, die sich auf ihrer letzten Edenkobener Tagung zu neuen Streitern für Turnen und Sport erklärt haben. Aber ihnen wollen wir, da sie nun als freiwillige Helfer in die Arena traten, gern Vertrauen entgegenbringen. Vielleicht, daß sie Mittel und Wege finden, den Bau der so notwendigen Übungsstätten, Turnhallen und Bäder durchzusetzen. Es sei kein Geld vorhanden? Ein Amerikaner, der vor 30 Jahren Deutschland bereiste, sagte, als er den Mangel an Spielplätzen für die deutsche Jugend feststellte: "Deutschland hat kein Geld, um Spielplätze zu bauen? Wenn man Deutschland statt der 100 000 Mann Reichswehr 200 000 Soldaten belassen hätte – ohne mit der Wimper zu zucken, hätte der Reichstag die Mittel für dieses Heer aufgebracht, weil sie aufgebracht werden mußten." Walther F. Kleffel