Die wenigen Filme, in denen man eine Chance für die neue deutsche Produktion erblickt, haben eine würdige Nachfolge erhalten: "Mamitschka", das Werk des jungen Regisseurs Rolf Thiele, das in diesen Tagen in den westdeutschen Kinos läuft. Die vorigen Filme, die uns auf einen künstlerischen Aufschwung hoffen ließen, hatten meist Kriegsthemen zum Vorwurf ("Die letzte Brücke", "Canaris", "Des Teufels General" und "Kinder, Mütter und ein General"). Dieser Streifen aber greift zum ersten Male seinen Stoff aus dem nachkriegsdeutschen Alltag. Er nimmt eine Fabel, die seit mindestens fünf Jahren aktuell ist wie keine andere. "Mamitschka" geht auf einen Tatsachenbericht des "Stern" zurück und ist eine lebensechte Satire auf die Neureichen, die auf irgendeine Art und Weise vom sogenannten "Deutschen Wunder" profitierten.

Da ist die Familie Nawratil, die 1945 aus Böhmen gewiesen wurde und in einer süddeutschen Stadt einen kümmerlichen Unterschlupf findet. Neun Köpfe stark – einschließlich eines kleinen Negerkindchens, das sie unterwegs auflasen – bilden die Nawratils ein trotzig-munteres Häuflein, das sich, angeführt von Mamitschka, schlecht und recht die Woche lang abrackert. Bis ihr Benjamin, der 11jährige Mathematikus, einen richtigen Elfertip beschert, und 75 000 Mark Totogewinn reißt die in aller Armut glückselige Schar jäh auseinander. Die drei ältesten Kinder geraten auf die schiefe Bahn, zwei davon stürzen tödlich mit ihrem blitzblanken Motorrad, die hübsche Rosa kommt schließlich hinter Gitter, und Tatinek, Mamitschkas Mann, steckt das Geld in sinnlose Spekulationen. Ein Wunder, daß sie noch soviel beisammen halten, um damit nach Amerika auszuwandern. Hatten sie Mamitschka nicht – auch die letzte Mark wäre ihnen zerronnen und damit der schöne Traum von einer neuen Heimat jenseits des Ozeans ...

Was diesen Film der Göttinger Filmaufbau-G.m.b.H. nun weit über den Durchschnitt der verfälschten Seelendramen und langweiligen Kinorevuen hinaushebt, das ist die ungewöhnlich sensible Regieführung Rolf Thieles. Thiele, der schon seinem leider kaum beachteten Film "Sie" jenen Touche gab, der manchmal an die großen Vorbilder der französischen Regisseure denken ließ, verlieh diesem rührenden, doch niemals sentimentalen Märchen viel vom Zauber einer echten tragischheiteren Begebenheit. Bemerkenswert ist auch das eigenwillige Geschick, mit dem er die Rollen besetzte und zum Beispiel Rudolf Platte aus dem Klischee des Filmblödeis löste, indem er ihn sehr feinfühlend den Tatinek spielen ließ. In Mila Kopp, der Gattin Christian Kayßlers, die hier zum zweitenmal vor der Kamera steht, fand er eine Mamitschka von unvergeßlicher, urtümlicher Kraft.

Günther Specovius