Von Heinz Hell

In guten alten Dichterszeiten war der Ofen Mittelpunkt und Mittler der guten Gedanken. "Auf die Postille gebildet, zur Seite des warmenden Ofens", schrieb Johann Heinrich Voß, der ein Freund jenes Matthias Claudius war, in dessen Budget das Brennmaterial, wie uns überliefert ist, nicht die kleinste Rolle spielte, neben "Pot und Pan" und ganz am Ende zwei Nachttöpfen "fein und gut" zu einem halben Reichsthaler. Das war in Wandsbeck bei Hamburg, wo noch heutigentags der Ofen eine besondere Rolle spielt, wenn im Spätherbst die Nebel wallen und das Grogwasser leise siedet.

Der Ofen hat Individualität, außen sowoll wie innen... Sein Habitus bewegt sich zwischen Luxus und Bescheidenheit. In Schlössern und Museen, bei Liebhabern und stillen Sammlern finden sich Exemplare aus vergangener Zeit, die unser Entzücken erregen. Barock und Rokoko trieben Ofen-Kult. Es war eine Prachtentfaltung, die bis zur Orgie ging, einer Orgie in Porzellan oder gegossenem Eisen, mit Figuren, Sprüchen und Allegorien, die mitunter ganze Romane erzählt. Wir Heutigen sind weniger anspruchsvoll. Ich liebe ihn in grünen oder braunen Kacheln, mit einer "Röhre" darin, die meist viereckig ist und Platz hat für die Äpfel. "Weene man nich, weene man nicht – in der Röhre stehn Klöße, die siehste man nich", sang man schon im alten Berlin zu Hosemanns Zeiten, und E. Th. A. Hoffmann schätzte den Rotwein bei Luther und Wegner besonders hoch, wenn er zuvor einige Stunden lang offen in der Nähe des Kachelofens gestanden latte, um das Aroma recht zu entwickeln.

Vor der noch offenen Ofentür werden wir alle wieder zu Kindern, wie damals, in der pommerschen Heimat, wenn das Mädchen Marie ihn des Morgens besorgte, während wir noch in unseren Betten lagen und zuschauten, wie seine glühenden Reflexe vage über die Gegenstände des Zimmers geiferten; Wir träumten noch ein wenig von kommenden Tagesfreuden, bevor Marie die Gardinen aufzog.

Heutzutage, wenn von der nahen Elbe her die Nebelhörner der einfahrenden Schiffe Laut geben, träume ich mich in der Ofenwärme zurück in die vergangenen Zeiten und horche in mich hinein, obwohl noch etwas vom einstigen Fernweh im Herzen bohrt, das mich nach Südamerika verschlug und dort jahrelang leben ließ. Nein, alles ist still. Die Wärme tut gut, der Grog duftet, und behutsam steigen die Rauchfäden der Pfeife an die Decke.

Bücher, Erinnerungen, den Ofen und keine allzu großen Sorgen, was will der Mensch mehr!

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, nach dem .Kriege, hatten die hiesigen Öfen eine Nahrung, die genauso karg und fragwürdig war wie die Nahrung der Menschen. Dennoch triumphierten sie über die Zentralheizung, deren Nutzwert zur Illusion geworden war. Zu Dutzenden ragten damals durch die zerbrochenen Fensterscheiben die schwarzen Rohre, und manchmal wurden auch Löcher in die Wände gebohrt, dem Ofen einen Abzug zu geben. Das war kein schöner Anblick, und ich mußte dabei oft an einen alten Berliner Witz denken: Fritz trifft Ede und erzählt ihm von seiner Braut. "Mensch, Beene hat dat Mächen, wie’n Ofenrohr!" – "Wat", fragt Ede, "so dick?" – "Nee, so schwarz!" Bitte um Entschuldigung, aber da wir gerade von Öfen reden ...

Sehe ich meinen Ofen an, den eine moderne Werkstatt gebaut hat, so finde ich einen großen Unterschied zu den monströsen Ofengebilden, die ich in meiner Jugend kennenlernte. Damals glichen die Öfen einer Burg mit Zacken und Zinnen, mit protzigen Aufsätzen und neckischen Gesimsen. Ein blechener, meist mit chinesischen Motiven bemalter Schirm sorgte, daß kein Ruß auf den Jugendstil fiel. Und was konsumierte so ein anspruchsvolles Möbel! "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da", sangen die Kinder, auf der Straße, und Vater mußte tief in die Tasche greifen, um seine Familie einigermaßen warmzuhalten. Mein Ofen hingegen sieht sachlich aus und ist so gebaut, daß er den Familienetat nicht durch große Kohlenrechnungen belastet: ein modernes Möbel, bei dem die Sachlichkeit einmal nicht auf Kosten der Wärme geht...