Am 20. Juli 1944 starb den Opfertod Generaloberst Ludwig Beck, Chef des Generalstabs des Heeres von 1933 bis 1938 und unbestrittener Mittelpunkt des militärischen Sektors der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler. Alle, die ihn kannten, schildern ihn mit ähnlichen Worten. Intelligenz und Charakter scheinen in Ludwig Beck eine eindrucksvolle Synthese eingegangen zu sein. Was ihn jedoch so hoch hinaushebt über seine Berufsgenossen ist dies: daß er, der Berufssoldat, die Grenzen seines Berufes erkannt und, als es notwendig wurde, durchbrochen hat. Ludwig Beck ist von seinem Posten als Generalstabschef zurückgetreten, als offenkundig wurde, daß die Innen- und Außenpolitik des nationalsozialistischen Deutschlands zum Krieg führen mußte, als ihm klarwurde, daß Hitler den Krieg wollte. Er verschanzte sich nicht hinter der herkömmlichen Vorstellung vom "soldatischen Gehorsam", er floh nicht in die Sackgasse des Bleibens, "um Schlimmeres zu verhüten". Er ging.

Er ging, nachdem er vergeblich versucht hatte, den Oberbefehlshaber des Heeres für einen gemeinsamen Schritt der höchsten Führer der Wehrmacht zu gewinnen: entweder von Hitler die Einstellung der Kriegsvorbereitungen zu erzwingen oder zurückzutreten. In der hierfür aufgesetzten Vortragsnotiz hat Beck seinen Reflexionen über Pflicht und Verpflichtung der hohen militärischen Führer endgültige Form gegeben: "Die Geschichte wird diese Führer mit einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachlichen und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln ... Finden ihre Ratschläge und Warnungen in solcher Lage kein Gehör, dann haben sie das Recht und die Pflicht vor dem Volk und vor der Geschichte, von ihren Ämtern abzutreten... Es ist ein Mangel an Größe und Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seine Pflichten und Aufgaben nur in dem begrenzten Rahmen seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der höchsten Verantwortung vor dem gesamten Volk bewußt zu werden."

Man muß diese Gedankengänge Becks kennen, um die militärpolitischen Aufsätze aus seinem Nachlaß recht zu verstehen, die nun erstmals veröffentlicht werden.

Ludwig Beck, "Studien", herausgegeben und eingeleitet von Hans Speidel, K. F. Köhler-Verlag, Stuttgart 1955, 302 Seiten, 20,– DM.

Es handelt sich bei diesen Studien nicht in erster Linie um die Arbeiten eines "großen Soldaten", sondern Um die Niederschriften eines Denkers. Becks Auseinandersetzung mit dem Krieg als ultima ratio der Politik hat nichts mit seiner Bejahung oder Verneinung zu tun. Keine utopische Ablehnung, keine persönliche Abkehr und auch nicht die ideologisch bestimmte Weigerung, sich damit auseinanderzusetzen, die so leicht zur Unehrlichkeit verführt, haben es bisher vermocht, den Krieg aus der Welt zu schaffen. Beck hat versucht, das Phänomen des Krieges geistig zu durchdringen. So steht er in der Nachfolge von Clausewitz. Ihm ist er näher als Moltke und Schlieffen.

Um die vorliegenden neun Essays zu begreifen, ist zu bedenken, daß sie alle aus der Zeit von 1938 bis 1944 stammen. Neben der unerbittlichen Klarheit und Härte des Stiles – es gibt Sätze bei Beck, die nach Klang und Diktion von Ernst Jünger sein könnten und den Gedanken nahelegen, ob dem Bereich, in dem sich Geist und Kriegshandwerk berühren, nicht eine besondere Sprache eignet – sind diese Aufsätze Meisterstücke der Chiffrierkunst. So, wenn Beck sich mit dem Problem des Anführers im Kriege auseinandersetzt, auf Fragen der militärischen Hierarchie eingeht und sich dabei zwar stets auf den ersten Weltkrieg bezieht, dann aber mit dem Satz schließt: "Wer an hoher Stelle Vertrauen wecken und sich dieses in den Wechselfällen eines Krieges, vor allem aber im Unglück erhalten will, bedarf auch einer großen Seele." Sowohl der Aufsatz über den 29. September 1918 als auch der, welcher sich mit der Lehre vom totalen Krieg befaßt, ist als radikale Ablehnung der Lehre und Persönlichkeit Ludendorffs zu verstehen. Aber die Verschlüsselung reicht noch tiefer für den, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, denn Becks Einwände richten sich zwar gegen Ludendorffs Lehre vom totalen Krieg, viel mehr aber noch gegen die nationalsozialistische Kriegführung selbst.

Für Beck stand – ganz im Sinne von Clausewitz – das Primat der Politik niemals in Frage. Niemals auch, meint er, könne auf der Grundlage des totalen Krieges ein guter Frieden entstehen. Bei seiner Verteidigung des Vorranges der Politik kommt Beck zu Formulierungen, die in die Nachbarschaft der klassischen Philosophen weisen: "Es bleibt nur der Weg der Politik, einer Politik, die, neben allem berechtigten Egoismus, der Moral und dem Recht, ihre durch lange und bittere geschichtlichen Erfahrungen erhärtete Bedeutung wahrt, die der Vernunft den Vorrang vor der Leidenschaft läßt und sie dadurch vor Maßlosigkeit schützt..."

Hans Speidel hat die Arbeiten Becks mit großer Einfühlungsgabe eingeleitet. Nur ein Satz aus der Einleitung könnte die Klarheit des Bildes von Ludwig Beck verwischen. "Das Schicksal versagte ihm", schreibt Speidel, "während des letzten Krieges im Kreise der höchsten Führung zu stehen." Nein: nicht das Schicksal, sein Charakter, er selbst, hat es sich versagt. Marianne Regensburger