Argentinien hat eine neue Regierung, die zweite nach dem Sturz Perons am 19. September. Präsident Lonardi, der allzu vorsichtig das Zepter schwang, mußte nach sieben Wochen seinem Revolutionskameraden General Aramburu weichen, der nunmehr zusammen mit einer Offiziersjunta versucht, Ruhe und Eintracht wieder herzustellen. Ganz leicht dürfte diese Aufgabe nicht sein, wenn man bedenkt, wie heterogen die Kräfte sind, die besonders in der Hauptstadt Buenos Aires um die Macht ringen. Die Allianz der Radikalen mit den Konservativen und Klerikalen, welche Peron aus dem Sattel hob, ist auseinandergefallen. Sozialisten und Christliche Demokraten (neuerdings wieder besonders aktiv) besitzen keinerlei innere Berührungspunkte mehr, und auch die Kirche, deren Einfluß unter Lonardi merklich zugenommen hatte, sieht sich unter dem neuen Regime zu äußerster Zurückhaltung gezwungen.

Problematisch ist nach wie vor die Stellung der Gewerkschaften, besonders der früher unter Peron übermächtigen C.G.T. (Confederacion General Trabajadores), deren Führer zunächst gefangengesetzt, heute zum Teil wieder frei sind. Hatte Lonardi ihren Streikdrohungen aus Furcht vor neuen Schwierigkeiten wenig widerstanden, so ließ Aramburu es auf eine Kraftprobe ankommen – und siegte! Der dreimal angesagte Generalstreik brach am letzten Freitag zusammen. Das bedeutet zunächst eine weitgehende Ent-Peronisierung der breiten Volksmassen, soweit sie ihrem Idol noch nachtrauerten.

Allerdings stimmten gegen den Generalstreik in erster Linie nur die freien Gewerkschaften, die sich aus Angestellten des Handels, der Banken und der Eisenbahnen zusammensetzen. Sie waren von jeher eine unsichere Karte im Spiel, schon zu Perons Zeiten. Die Mitglieder der C.G.T. jedoch, in der Hauptsache den, Belegschaften von Hafen, Schlachthäusern, Textil- und Metallindustrie entstammend, streikten fast alle. Sie bilden den entscheidenden Faktor; und die Tatsache, daß sie klein beigegeben haben, nachdem ihre Funktionäre der’Ämter enthoben und mehr als dreihundert gefangen gesetzt waren, bedeutet noch lange nicht den Verzicht auf die Macht.

Das offiziell verbotene Gewerkschaftsblatt El Lider (Der Führer) wird heute in Buenos Aires schwarz zum dreifachen Preis verkauft. Auch die kommunistische Partei will ihr Organ La Horn, das 1950 von Peron geschlossen wurde, wieder erscheinen lassen. Überdies wird jetzt im ganzen Lande ein sogenannter "Peron-Peso" gesammelt – er soll dem Geflüchteten auch außerhalb Argentiniens eine Existenz sichern. Der Druck auf die Regierung wird übrigens weniger von den ja reichlich exponierten Gewerkschaftsführern selbst ausgeübt, als von den Mitgliedermassen. Sie waren es, die ihre Obmänner schon zu Lonardis Zeiten zwangen, Forderungen anzumelden, wie etwa die Unantastbarkeit ihrer Organisation und ihres Besitzes, darunter der einst weltberühmten Zeitung La Prensa, die Peron ihnen übereignet hatte,

Obwohl die neue Regierung Aramburu sich ausschließlich aus Militärs zusammensetzt, kann man bei ihr keineswegs von einer Diktatur sprechen, General Pedro Aramburu selbst gilt als echter Demokrat, gemäßigt in seinen Anschauungen und ohne extrem nationalistische Ambitionen. Die französische Zeitung Le Monde vergleicht ihn und seine Leute mit den "Jungtürken", die einst dem Sultanat Abdul Hamid den Garaus machten. Ob sie die gleiche glückliche Hand haben werden, bleibt abzuwarten. Auch Aramburu geht nach anfänglich rigorosen Maßnahmen jetzt vorsichtiger zu Werk. Die von Peron bewirkte Trennung von Staat und Kirche etwa wird in Zukunft trotz klerikalen Widerstandes wohl beibehalten werden. Hingegen ist das staatliche Presseamt, ebenfalls von Peron zur "Sprachregelung" der öffentlichen Meinung eingerichtet, bereits als undemokratsch abgeschafft. Auch das Schicksal von La Prensa dürfte sich bald zugunsten ihres rechtmäßigen Besitzers Dr. Gainz Paz entscheiden.

Darüber hinaus aber gibt es noch genügend andere Fragen und Probleme, die zu klären sind; vor allem die Einordnung der Parteien und Gewerkschaften in den neuen Staat durch freie Wahlen, die wohl in nicht allzu ferner Zeit erfolgen werden, sofern die Lage ruhig bleibt. Die entscheidende Krise, so behaupten viele, wird jedoch erst in ein bis zwei Jahren eintreten. Erst wenn alle Ressentiments beseitigt, wenn klare Vergleichsmöglichkeiten vorhanden sind und vor allem, wenn die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse sich gebessert haben, wird sich erweisen, ob Argentinien reif ist für eine echte Demokratie.

Heinz Hell