Die weltberühmte Theatersammlung des Professors Niessen soll ihre Heimatstadt Köln verlassen, da die Stadt Köln sich nicht dazu entschließen konnte, dem Professor Niessen für seine in 300 Kisten verpackte Sammlung ein angemessenes Museum zur Verfügung zu stellen. Bei den Studenten der Universitat Köln – besonders bei den Schülern Niessens – hat diese Nachricht große Empörung hervorgerufen. Die Studenten weisen in einer Eingabe an das Kultusministerium von Nordrhein-Westfalen darauf hin, daß "die Ausfuhr bedeutender nationaler Kunstgegenstände" nach einem Gesetz des Bundestages verboten sei. Wohlverstanden: die Empörung der Studenten richtet sich nicht gegen ihren verehrten Lehrer, sondern gegen die Stadt Köln, die es versäumte, dem Professor Niessen jene Angebote zu machen, die ihm von Zürich ohne weiteres gemacht wurden. Dennoch hat Professor Niessen die Stadt Zürich gebeten, "ihn von der Schenkung seiner theaterwissenschaftlichen Sammlung zu entbinden". Die Stadt Zürich kann aber zwei unterschriebene Erklärungen Professor Niessens vorweisen, in denen diese Schenkung mitgeteilt wird. Die Züricher haben sich nun entschlossen, keine weiteren Schritte zu unternehmen, bis Professor Niessen seine Meinung "auf Grund ruhiger Überlegungen" zur Kenntnis gebracht haben wird. Ist also doch noch Zeit für die Stadt Köln, Versäumtes nachzuholen?

Die weltberühmte theatergeschichtliche Sammlung Niessen" – dem Renommee nach auf literarischem Gebiet etwa mit der Sammlung Kippenberg vergleichbar – soll in diesen Tagen, in über 300 große Kisten verpackt, unter Begleitung ihres Besitzers, des Leiters des Theaterwissenschaftlichen Instituts an der Universität in Köln, Professor Dr. Carl Niessen, für immer nach Zürich auswandern. Damit verliert Köln seit dem letzten Kriege die fünfte Sammlung von Rang.

Das nunmehr bedeutungslos gewordene Kölner Theatermuseum setzte sich aus der "Sammlung Niessen" und einem Stadt- beziehungsweise universitätseigenen Teil zusammen. Beide Komplexe waren unter größten finanziellen Opfern und unter Hinnahme persönlicher Einschränkungen Stück für Stück von Carl Niessen eingekauft und "besorgt", nicht zuletzt auch aus Nachlässen ererbt worden. Bei diesen Abschlüssen war Niessen zugleich Privatmann und Universitätsbeauftragter. Dann nämlich, wenn es sich um besonders wichtige und unerschwingliche oder solche Objekte handelte, die man partout nur ihm anvertrauen wollte, bezahlte er aus seiner Privatschatulle; alles andere erstand er nach einem streng eingehaltenen Plan für die "amtliche" Abteilung des Museums aus dem ihm überlassenen Fonds, freilich nicht selten ohne Zubußen aus eigenen Mitteln. Noch mitten in der Inflation, nach dem ersten Weltkrieg, hatte der volkstümlich gewordene und als einziger Dozent Deutschlands mit einem Schauspiel-Diplom ausgezeichnete "Theaterprofessor" es durchgesetzt, daß die Kölner Universität ihm die erste Habilitation für Theaterwissenschaft im Reich zugestand. Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer war es, der dafür sorgte, daß ein ehemaliges Hotel mit 57 Räumen als ständiges Theatermuseum eingerichtet wurde.

Im Kriege wurde es von Bomben getroffen und brannte völlig aus, während Niessen mit seinen Jüngern seine und der Stadt Schätze restlos ins Freie schleppte und in Kisten verstaute. Seitdem spricht man in Verbindung mit dem Kölner Theatermuseum von den "300 Niessen-Kisten" und von "200 Universitätskisten". Das Universitätseigentum galt lange Zeit als verschollen und wurde erst vor zwei Jahren, ziemlich gerupft in seinen Beständen, in einer Etagenwohnung unweit der Hochschule provisorisch ausgepackt und dem Lehrbetrieb wieder zugänglich gemacht. Niessen hingegen bewachte seine in der Nähe von Godesberg untergebrachten Kisten wie Alberich die Mobilien der Nibelungen. Er tat das volle dreizehn Jahre lang, indem er gleichzeitig verlockenden Auslandsangeboten, die ihn über Nacht zum Millionär hätten machen können, trotzte und der Stadtverwaltung und der Universitätsleitung verständlich zu machen suchte, daß der Inhalt seiner Kisten in anderthalb Jahrzehnten der Lagerung nicht besser würde. Man möge ihm Raum zur Verfügung stellen, man möge verstehen, daß ihm am Ende gar nichts anderes übrigbleibe, als eine der ausländischen Offerten zu akzeptieren. Schließlich: man möge ihm die persönlich in zweieinhalb Jahrzehnten des Aufbaues verauslagten 300 000 Mark für seine Sammlung auf die eine oder andere Weise – in Geld, dann würde er für den Museumsbau sorgen, oder in Form eines Museums, dann benötige er das Geld nicht – erstatten, und alles bleibe im Lande.

Das war im Hochsommer dieses Jahres. Es sah nach einem Happy-End aus! Man wies Niessen das bei Köln gelegene Schloß Wahn zu (aus dem Familienbesitz der Elz-Rübenachs, bis 1965 an die Universität verpachtet), damit er seine Kisten erst einmal auspacken, inventarisieren und anschließend abschätzen lassen könne. So geschah es. In dramatischer Konsequenz erkannten die Zuständigen 1955, was ihre Vorfahren schon 1925 gewußt hatten und was in der ganzen kulturellen Welt notorisch war: die Sammlung Niessen ist einmalig. Der Taxator (Wedell aus Hamburg) hatte eine befriedigende Auskunft gegeben, denn der Kultusminister in Düsseldorf fand sich bereit, die Hälfte des Wertes, nämlich 150 000 DM, zuzuschießen, falls Köln sich entschließe, Niessens Sammlung wie angetragen zu kaufen. Kölns Oberstadtdirektor Dr. Max Adenauer stellte sich hundertprozentig in die Fußtapfen seines Vaters und empfahl den Ausschüssen des Stadthauses, für das Ja-Wort Sorge zu tragen, die SPD-Fraktion war sehr geneigt und wollte zustimmen, wenn die CDU "einsteige" Es konnte einfach nichts mehr passieren. Da sagte die CDU-Fraktion nein. Niemand wird je ergründen, warum.

Offiziell heißt es, Köln könne sich nicht noch mehr Sammlungen "auf Lager legen", es habe schon das Wallraf-Richartz-Museum, das in Kürze ein eigenes Haus bekommt, das Römisch-Germanische Museum, das Ostasiatische Museum, das Kunstgewerbemuseum und einen großen Teil des Völkerkunde-Museums. Doch Köln verlor schon: das Kabinett Hübsch, Haupthandschriften Kölner Kirchen, jetzt in Darmstadt; die Sammlung Böisseré, die Bestandteil der Münchner Pinakothek wurde; das wertvolle Musikmuseum Heyer und die angesehene Stinnes-Sammlung moderner Graphik, die spurlos verschwanden.

Was jetzt die Stadt Zürich nach geduldigem Warten – weil Niessen bis zuletzt hoffte, seine Vaterstadt werde vielleicht doch noch zugreifen, hatte er den Abschluß mit der Schweiz bis Anfang Oktober buchstäblich verschleppt – ohne Wimperzucken zum vollen Preis und unter sehr weitgehenden galanten, etatlichen und personellen Bedingungen eine eigens für die "Sammlung Niessen" zum Preise von 1 1/2 Millionen Franken erstandene Villa einschließlich, als "Schenkung" mit einer jährlichen, lebenslänglichen Gegenleistung von 50 000 Franken aufnahm, läßt sich in Umrissen etwa so andeuten:

Darstellungen des jüngeren Breughel, des Denis von Alsloot und David-Teniers – und zwar in den Originalen –, Stiche und zeitgenössische Bücher und Flugschriften, eine Fülle von Dokumentationen belebte und belegte die bunte Geschichte der Schauspielerei und des Theaters. Es begann bei den Gestalten des Theaters der Antike und ging bis zum Weimar Goethes oder zum Berlin Max Reinhardts. Der Bogen spannte sich von den Anfängen der Schauspielkunst bis zum Volksschauspiel der Alpenländer, von den englischen Komödianten bis zum deutschen Nationaltheater, von Afrika über Asien bis Europa: Masken-, Puppen- und Schattenspielfiguren aus jedem Kulturwinkel der Erde, die Typen der Kommedia dell’Arte in Zeichnungen und Porzellan, kostbare Gemälde mit Hof- und Marktbühnen aus der Renaissance und dem Barock, dazu eine Bibliothek von 30 000 Bänden zur Theater- und Dramengeschichte, das nicht minder reichhaltige Graphikarchiv, das besonders für das Barock, aber auch für das 19. und 20. Jahrhundert internationale Bedeutung gewann. Endlich waren da noch das große Photo- und Filmarchiv mit unzähligen Szenenaufnahmen, eine umfassende Künstlerporträt-Galerie und 3000 ausgewählte Diapositive aus der Entwicklungsgeschichte der Theaterkultur, wie sie es sonst nirgends gab. Heinz Koar