Wer Jahr für Jahr einen stattlichen Band von über 500 Druckseiten Text herausbringt, leistet damit, allein schon vom Manuellen her gesehen, ein respektables Stück Arbeit: denn das bedeutet, daß im Wochendurchschnitt 20 Blatt Schreibmaschinen-Manuskript fertiggestellt werden müssen. Freilich macht es (nach dem wohl zutreffenden Urteil von Fachleuten) einen erheblichen Unterschied aus, ob dem Autor die glückhafte Gabe zu eigen ist, aus der "Fülle der Geschichte" das, was da gerade heraufdrängt, frei gestaltend zu Papier bringen zu können, oder ob er sich der schweren Fron unterziehen muß, Fakten zu sammeln, zu sichten und sie – kommentierend, also wertend – neu zu gruppieren. Dabei kommt, wenn die Arbeit wie eine Fleißaufgabe angefaßt wird unter einem gewissen Druck steht, leicht das eine oder das andere zu kurz: entweder die erforderliche Präzision in der Aufbearbeitung des Materials, oder aber die gedankliche Durchdringung des Stoffes. Das Ergebnis ist, in beiden Fällen, für den Leser einigermaßen enttäuschend, wenn auch der Autor geneigt sein mag, sich selber die bei der Materialsammlung aufgewandte Mühe zugute zu halten, und sich im übrigen mit dem Spruch von Wilhelm Busch zu trösten: Oft ist das Denken schwer, indess'

Das Schreiben geht auch ohne es ... Als offene Frage bleibt jedoch, ob der Dritte im Bunde neben Autor und Leser, nämlich der Verleger, auf die Dauer nicht Schaden an seiner Seele erleidet, wenn er duldet, daß einer seiner Autoren alle Jahre wieder den eifrig gesammelten Inhalt seiner Zettelkästen mehr schlecht als recht zu einem dicken Band verarbeitet, der nun auf dem Büchermarkt erscheint unter dem Titel;

Kurt Pritzkoleit: "Die neuen Herren" (Untertitel: "Die Mächtigen in Staat und Wirtschaft"); Verlag Kurt Desch (576 S., 19,80 DM).

Enthüllungen also – schon wieder einmal Enthüllungen ... Was die Verlagsankündigung verspricht, ist wahrlich nicht von Pappe: der Autor wird uns aufklären, in welchen politischen (!) Gremien "über die Gesetze tatsächlich beschlossen wird"; er will unsere Vermutung bestätigen, daß die Parlamentarier lediglich "ihre Reden zum Fenster hinaus halten" – ja, "daß alles schon längst beschlossen ist, ehe die Öffentlichkeit zum Zeugen der parlamentarischen Auseinandersetzung gemacht wird". Wir dürfen endlich erfahren, wo "schließlich die Fäden der Macht zusammenlaufen, die über viele Instanzen hinweg die auf der politischen Bühne sichtbar agierenden Personen lenken ..." Und wenn wir nun die Probe aufs Exempel machen und in dem Buch nachschlagen, wie es dazu gekommen ist, daß der Bundestag (einstimmig übrigens ...) den Initiativentwurf zum "Landwirtschaftlichen Grundgesetz" angenommen hat, das die sogenannte Paritätsforderung der Bauernverbände (zum Teil!) verwirklicht – dann finden wir auf Seite 144/145 die erschröckliche Geschichte von dem "ungeheuerlichen Vorgang", daß (Ende April 1955) der "Deutsche Bauernverband" einen Käuferstreik angedroht habe, falls jenes Gesetz nicht angenommen werde, und daß daraufhin (!) die drei an der Vorberatung des Gesetzes maßgebend beteiligten Parlamentsausschüsse (für Ernährung, für Wirtschaftspolitik, für Außenhandelsfragen) die Bundesregierung ersucht haben, ihre Stellungnahme zu dem Entwurf bekanntzugeben. Und nun überschlägt sich der Autor förmlich in Vorwürfen gegen "die Presse", die es verabsäumt habe, darauf hinzuweisen, daß da eine Verschwörung stattgefunden hat, um "der Bundesregierung" – die notabene gar keine Gesetze zu beschließen hat! – "ein Gesetz abzunötigen". Wie wird uns ins Gewissen geredet! Wir, "die Presse", haben es "unbegreiflicherweise" unterlassen, auf die "legislative Schlüsselstellung" der Ausschußvorsitzenden hinzuweisen; wir haben sogar die Augen fest verschlossen, um uns "den Anblick der Macht und ihrer Ausübung zu ersparen", haben es geflissentlich verabsäumt, in diesem besonderen Fall von der Ausnutzung der Machtposition dieser "Großen Drei" auch nur Notiz, geschweige denn dazu kritisch Stellung zu nehmen... Welch groteske Verkennung der "Machtposition", die den Vorsitzenden einiger Parlamentsausschüsse zukommt – welch schiefe Perspektive in der Beurteilung derjenigen, "deren Geschäft es ist, die öffentliche Meinung zu unterrichten und zu gestalten"!

In einer geradezu grausamen, in einer wahrhaft beklagenswerten Weise ist dem Autor sein allzu wahllos zusammengetragenes Zettelkasten-Material über den Kopf gewachsen ... und nun muß sich der arme Leser über viele Seiten weg mit der Lektüre von Vorgängen abquälen, die er längst (und besser dargestellt) im "Spiegel" gelesen hat – beispielsweise mit Berichten über Polizeiwachtmeister, die schnell mit der Pistole zur Hand waren ... und die nach Pritzkoleit offenbar auch zu den "neuen Herren", den "Mächtigen in Staat und Wirtschaft", gehören! Die ersten hundert Seiten des Buches sind ohnedies reine Historie: von Hugenberg und von den Zweiten der Weimarer Republik ist darin die Rede, aber nicht von den "neuen Herren". Weitere 140 Seiten beschäftigen sich mit der "Oligarchie" der Wirtschaftsverbände: unter sorgfältiger Aussparung aller die Gewerkschaften betreffenden Details übrigens; es folgen dann Exkurse über Parteien, Beamtenschaft, Genossenschaften, die "Ordensträger" der Bundesrepublik, die Presse. Eingefügt sind zwei Kapitel über Konzerne und Großaktionäre in der Montanwirtschaft; wie der Autor die Vorgänge da durch seine eigene Brille sieht, ist mitunter recht vergnüglich zu lesen – eine sachliche Unterrichtung kommt freilich nicht zustande. Und zusätzlich werden dann noch als "neue Herren" (unter dem Sammelbegriff "Händler, Makler, Fabrikanten") in kleineren Monographien behandelt: Josef Neckermann, Helmut Horten, Rudolf Münemann, Max Braun und Willy Schlieker. Einige von ihnen bekommen eine gute Nummer, als "Menschen geistigen Typs", denen auch eine "devinatorische Begabung" (Seite 423 – wörtliches Zitat!) zuerkannt wird. Andere aber sind, wie ja fast alle führenden Leute der Wirtschaft, nach Pritzkoleits schnell-fertiger Klassifizierung, Machtstreben verhaftet; sie kennen nur den Trieb zur Macht, damit sind sie charakterisiert, damit ist alles Wissenswerte über sie gesagt... So einfach ist nun mal heute die Welt des deutschen Wirtschaftswunders!

Erwin Topf