In Deutschland bin ich vergessen", hat Heinrich Brüning, Reichskanzler in der schweren Zeit vom 28. März 1930 bis zum 30. Mai 1932 schon während des Krieges in Amerika bitter erklärt. "Die Jüngeren jedenfalls erinnern sich meiner höchstens als des Mannes, der ihren Vätern durch Notverordnung Gehalt und Lohn verkürzte." Das war vielleicht übertrieben, aber Brüning selbst hat dazu beigetragen. Seit er Deutschland im Juni 1933, kurz vor dem Röhmputsch, verließ, befleißigte er sich peinlichen Schweigens zu allen Vorgängen im Dritten Reich. Dies entsprach der verschlossenen Natur eines Mannes, der seine asketische Neigung durch die dunkle, dem Habit des katholischen Priesters angenäherte Tracht mit Vatermörder und schwarzer Krawatte betonte, und man mochte es in den ersten Jahren hinnehmen als die Zurückhaltung des Staatsmannes im Exil. Daß er aber noch immer schwieg, als es nicht mehr um den Nationalsozialismus, sondern mit dem aufkommenden Morgenthauplan um das Leben des Volkes selber ging, haben ihm viele verübelt. Ihn selber hat es die Chance gekostet, nach dem Zusammenbruch an einer Stelle am deutschen Aufbau mitzuarbeiten, die seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten entsprochen hätte.

Brüning begeht am 26. November seinen siebzigsten Geburtstag. Er stammt aus Münster. Seine Vorfahren waren westfälische Bauern – "vom Lehm nicht vom Sande", wie man dort zu Lande sagt. Der Vater (er verlor ihn mit zwei Jahren) hatte eine Essigfabrik und einen Weinhandel, und das ermöglichte Heinrich Brüning ein sorgenfreies Studium. Er betrieb es, wie alles, gründlich: Rechtswissenschaft in München 1904, dann Philosophie in Straßburg, Geschichte, Germanistik, schließlich in Bonn Staats- und Volkswissenschaft. 1911 wurde er Lehramtskandidat, 1915 promovierte er. In den Zwischenjahren verbrachte er einige Zeit in der Normandie, dann, bei seinem Bruder Hermann, der Missionar und Prälat war, in England. Zu den angelsächsischen Ländern fand er ein engeres Verhältnis als zu Frankreich.

Nach dem ersten Weltkrieg holte der katholische Sozialpolitiker Dr. Sonnenschein den ernsten, gewissenhaften Mann in sein Hilfswerk, kurz darauf(1919) wurde er persönlicher Referent Stegerwaids im christlichen "Deutschen Gewerkschaftsbund", und als dieser Ministerpräsident in Preußen wurde, Geschäftsführer. Von da an ging seine politische Laufbahn rasch voran. 1924 kam er als Abgeordneter des Zentrums für Breslau in den Reichstag, nebenbei leitete er eine Zeitlang die Gewerkschaftszeitung Der Deutsche, 1930 wurde er nach dem Rücktritt des Sozialdemokraten Hermann Müller inmitten der Wirtschaftskrise Reichskanzler.

Daß Brüning im Krieg ein tapferer Offizier war – Hauptmann zuletzt, Leiter einer Abteilung von Maschinengewehrscharfschützen, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen –, mag dazu beigetragen haben, daß Hindenburg den überkorrekten, gelehrtenhaft wirkenden Katholiken, der ihm im Wesen so fremd war, auf Drängen der Generäle von Schleicher und Gröner mit dem Amt betraute. Die Militärzeit hatte in Brüning, so zivil er wirkte, einen starken Eindruck hinterlassen. Dem früheren Feldmarschall stand er autoritätsgläubig mit einer Verehrung gegenüber – er nannte ihn einmal einen "von Gott gesandten Mann" –, die er ihm Zeit seiner Kanzlerschaft bewahrte.

Brüning übernahm eine schwere Aufgabe. Die guten Jahre der Weimarer Republik waren vorüber. Der Reichshaushalt, der 1924 bis 1925 noch einen Überschuß von einer Milliarde erzielte, wies schon seit 1926 durch die unsinnig hohen Reparationen, die Erhöhung der Gehälter und Senkung der Steuern erhebliche Fehlbeträge auf. 1929 kletterten sie auf 600 Millionen Mark, für die keine Deckung sichtbar war, und gleichzeitig stieg mit der Wirtschaftskrise die Zahl der Arbeitslosen – von über einer Million 1929 auf sieben Millionen 1932. Mit dem Massenelend wuchs der Radikalismus links und rechts.

Als Finanzexperte hatte Brüning mit Sorge verfolgt, wie die Defizite der Arbeitslosenversicherung immer höher wurden – der ideologische Kampf um die Frage, wer die Last tragen solle, war ein Hauptstreitpunkt, an dem die Koalition der demokratischen Parteien sich abnutzte: die Arbeitgeber mit den Arbeitern durch Erhöhung der Versicherungsbeiträge (wie die Sozialdemokratie es wollte), oder die Arbeitslosen durch Minderung der Leistungen. Stresemann hatte am 2. Oktober 1929, einen Tag vor seinem Tode, mit letzter Kraft seine Fraktion, die Deutsche Volkspartei, noch einmal für den Kompromiß gewonnen und damit die große Koalition gerettet. Im März 1930 zerbrach sie an der gleichen Frage.

Brüning wußte, daß sein "Kabinett der Frontsoldaten" (es reichte von den Demokraten bis zu den Deutschnationalen) keine parlamentarische Mehrheit hatte, aber er verließ sich auf die Ausnahmegewalt des Reichspräsidenten. Er hatte schon lange auf ein Rechtskabinett gedrängt, und die autoritäre Regierungsform schreckte ihn nicht. Er hoffte, es würde ein Übergang sein, die Konservativen würden Stimmen gewinnen. Aber als er den Reichstag auflöste, zerstörte das Wahlergebnis vom 14. September 1930, das die NSDAP auf Kosten der übrigen Rechten von 12 auf 107 Mandate emporschnellte, jede Hoffnung auf eine parlamentarische Regierung überhaupt.