Niemand kann leugnen, daß Brüning in den zwei Jahren seiner Kanzlerschaft mit äußerster Hingabe daran arbeitete, die Probleme zu meistern. Er konnte die Krise nicht über Nacht aufhalten, die Arbeitslosigkeit stieg erschreckend weiter, und mit ihr Hitlers Anhang. Aber es gab doch Erfolge. Die Arbeitslosenversicherung wurde zwar gekürzt, aber sie blieb bestehen. Die Danat-Bank brach zusammen, aber mit Hilfe des Hoover-Moratoriums gelang es, einen allgemeinen Bankenkrach abzuwenden. Die Reparationen kamen praktisch zum Stillstand. Deutschlands Gleichberechtigung in der Rüstung wurde vorbereitet – die Früchte allerdings fielen erst seinen Nachfolgern zu.

Daß Brüning Hindenburgs Wiederwahl im Frühjahr 1932 durch den Reichstag, nicht durch das Volk wünschte, ruhte auf einer verständlichen Überlegung. Er hatte gelernt, daß Wahlen in jener Krisenzeit nur den Radikalen nutzten. Aber wenn man dem Biographen Hindenburgs, Wheeler-Bennett, der sich auf Brüning stützt, glauben darf, gingen seine Pläne viel weiter. Er dachte daran, die Monarchie zu restaurieren. Dazu sollte Hindenburg nicht nur wiedergewählt, sondern später vom Reichstag auf Lebenszeit bestellt werden und dann das Amt einem der Söhne des Kronprinzen abtreten. Darüber hat Brüning im Januar 1932 mit Hitler, Röhm und Schleicher verhandelt, mit der Absicht, dem Nationalsozialismus dadurch eine Niederlage zu bereiten. Man erfährt nicht, welche Gegenleistung Brüning anbot – aber daß derlei Pläne Hitler von der Stärke der Regierung überzeugten, das kann man kaum annehmen.

Gestützt auf die Autorität des Präsidenten hätte Brüning, wäre er eine dem Volke nahe Persönlichkeit gewesen, an der die Opferbereitschaf: sich entzünden konnte, die Massen allmählich für sich gewonnen. Aber das lag nicht in seinem Charakter. Was er sich unbeirrbar vornahm, erreichte er: das Ausland zu überzeugen, daß die Reparationen, die Deutschland nicht leisten konnte, beendet werden müßten. Er verwaltete, als selbstloser Staatsdiener, klug, aufopfernd, anspruchslos, aber er konnte nicht führen. Er konnte nicht retten vor Hitlers bösartiger Demagogie, die das Land in den Abgrund zog – ob irgendeiner es gekonnt hätte, wer kann es sagen! Daß er Papen, Schleicher und Hitldr vorgemacht hat, wie man auch ohne Parlament regiert, läßt sich nicht leugnen, bei ihn jedoch war der autoritäre Kurs auf Anstand und Menschenwürde gegründet. Aber weil er das Volk nicht hinter sich scharte, wurde er ganz von der Macht abhängig, der er selber zur Unumschränktheit verholfen hatte: Hindenburg. Der entließ ihn schroff, „hundert Meter vor dem Ziel“, aus nichtigem Grund – es sei „Bolschewismus“, daß Brüning, der den Osthilfeskandal aufdeckte, Teile der inrentablen Güter des Ostens der Landreform zur Verfügung stellen wollte. Nach seinem Sturz nahm das Verhängnis rasch seinen Lauf.

Heute schreibt Brüning in Amerika seine Memoiren zu Ende, deren erster Teil nächstes Jahr erscheinen soll. Dann will er nach Deutschland zurückkehren. Im Exil, in den Vereinigten Staaten, war er Professor in Harvard, nach dem Kriege drei Jahre an der Universität Köln. Auch hier hat er sich politisch zurückgehalten – bis auf eine Rede 1954 im Rhein-Ruhr-Klub, die die Politik der Bundesregierung kritisierte. Der Bundeskanzler antwortete mit ungewohnter Schärfe: „Als verantvortlicher Politiker verbitte ich es mir“, erklärte er dem früheren Kanzler des Reiches, „daß aus Ressentiments die Interessen des deutschen Volkes empfindlich geschädigt werden.“ Aber Brüning rahm den Fehdehandschuh nicht auf. War es, weil ihm, dem Siebzigjährigen, der politische Kampf endgültig leid ist, oder schien ihm nur die Gelegenheit, nicht günstig? Volkmar v. Zühlsdorff