Die Reden auf der Jahresversammlung des Bundesverbandes der Deutschen Schrottwirtschaft e. V., Düsseldorf, waren auf einen durchaus optimistischen Ton gestimmt. Die Gegenwartssituation bei Schrott ist ja auch vollauf befriedigend. Es konnte nicht nur der Zusatzbedarf der Stahlwerke, Hand in Hand mit der Produktionssteigerung von 17,4 Mill. t (1954) auf rund 22 Mill. t Rohstahl (1955), gedeckt werden, sondern es war auch möglich, den Bedarf der Gießereien voll zu befriedigen und bei den Hüttenwerken die Läger von 610 000 t am 1. Januar 1955 auf 1,25 Mill. t Ende September 1955 zu erhöhen. Das bedeutet einen Lagerbestand für 34 volle Arbeitstage oder für den Dreimonatsbedarf an Zukaufschrott. Diese günstige Situation wurde neben der erfolgreichen Tätigkeit des Handels auch durch erhebliche Importe ermöglicht, die (im Monatsdurchschnitt 1955) 105 000 t gegen 55 000 t im Monatsdurchschnitt 1954 erreichten.

Aber es ist die Frage, ob diese günstige Situation auf die Dauer sicher ist. Der inländische Schrottpreis liegt zur Zeit im Durchschnitt bei 155 DM die Tonne. Importschrott aus den USA kostet den Hütten, bis er vor das Werkstor kommt, rund 70 Dollar die Tonne, d. b. rund 300 DM. Auch im Montan-Union-Raum außerhalb Deutschlands ist Schrott teurer als hier. Es ist verständlich, daß der Schrotthandel auf der Tagung in Düsseldorf auf diese unwahrscheinlich große Spanne hinwies und erneut die Forderung nach einem tatsächlichen, den Markt Verhältnissen entsprechenden freien Schrottpreis erhob.

Wir sehen aber nicht nur darin einen Unsicherheitsfaktor für die Zukunft. Er liegt u. E. vielmehr in einer falschen Hoffnung auf den auch künftig munter fließenden US-Schrott. Nach unseren Informationen beabsichtigt die amerikanische Stahlindustrie, ihre derzeitige Jahreskapazität von etwa 125 Mill. t, die zu 92 v. H. ausgefahren wird (und 1955 eine Rohstahlerzeugung von 115 Mill. t erbringt), um etwa 25 Mill. t zu erhöhen. Mit einem Teil der Investitionsprogramme, die sich über einige Jahre erstrecken, ist bereits begonnen. Für die Schrott Wirtschaft bedeutet das eine Zunahme des inneramerikanischen Verbrauchs an Zukaufsschrott von zur Zeit 32 Mill. t um etwa 8 auf 40 Mill t. Der US-amerikanische Schrotthandel exportierte 1955 rund 4 Mill. t, davon erhielt der Montan-Union-Raum rund 3 Mill. t. Mit dieser Menge werde die Montanunion nicht mehr rechnen können, hören wir aus dem Handels-Department in Washington. Was wären die Folgen?

Entwecer müssen andere Schrottquellen eröffnet werden oder die deutschen Stall werke müssen die Umwandlung, weniger Schrott zu fahren, beschleunigen. Da heißt allerdings andererseits, daß der Koksverbrauch stark ansteigt, was wiederum einen beträchtlichen Mehrbedarf an (importierter) Kokskohle voraussetzen würde.

Daß mit der Umstellung der Rohstahlerzeugung auf erhöhten Stahleiseneinsatz noch einiges zu schaffen wäre, zeigen die Vergleichszahlen mit den USA. Bei der deutschen Rohstahlerzeugung beträgt der Schrotteinsatz zur Zeit etwa 65 v. H. In der amerikanischen Stahlindustrie sind es dagegen rund 50 v. H. Was hier für die deutsche Stahlindustrie gesagt ist, die im kommenden Jahr mit einer Produktion von etwa 24 Mill. t Stahl rechnet, gilt ebenso für den Montan-Union-Raum, dessen Jahresrohstahlerzeugung von 1954 auf 1955 von 44 auf 51 Mill. t einlief. Der Schrottverbrauch im Union-Raum liegt dabei 1955 bei 25 Mill. t gegen 21,5 Mill. t im Vorjahr, also bei rund 50 v. H. der Rohstahlerzeugung.

Der erste Vorsitzende des Schrottverbandes, Hermann Adloff, berichtete als Ergebnis seiner Amerikareise, daß auch ihm gegenüber von amerikanischer Seite die Erwartung geäußert worden sei, die deutschen Stahlwerke mögen ihren Schrotteinsatz durch größtmöglichen Einsatz von Stahleisen herabsetzen und die Bildung eines freien Schrott preiset anstreben. Auf lange Sicht dürften hierin die beiden wichtigsten Probleme der Schrottwirtschaft für die Zukunft liegen, wobei war allerdings nicht glauben, daß im Zuge einer Verknappung von Schrott die Bestrebungen, vom gelenkten Preis wegzukommen, verwirklicht werden. rlt.