Der Italientourist ist leicht geneigt, Seriensüchtig nur eine Wirklichkeit dieses Landes zu erhaschen, die sich ihm sorgenfreier, genügsamer, leichter und froher als in unseren Breiten zu offenbaren scheint. Vor der anderen Wirklichkeit – Armut, Slums, Arbeitslosigkeit, krasse soziale Ungleichheit –, der er vor allem im Süden des Landes begegnet, verschließt er entweder die Augen, oder er geht so weit, sie zu verharmlosn, ja, zu verklären und behauptet, die Menschen dort empfänden ihre Situation als naturgegeben und litten an ihr nicht-

Daß die Kommunisten diesseits des Eisernen Vorhangs nirgends mehr Anhänger haben als in Italien, kann ihn kaum beirren, denn nicht ganz unbegründet wird er ihre revolutionäre Durchschlagskraft gerade in diesem Lande in Frage stellen.

Dieses andere Italien, ein Italien ohne Sonne, ohne blauen Himmel, kein Ansichtskartenitalien also, spiegelt sich in den vier Erzählungen der italienischen Autorin

Anna Maria Ortesie: Neapel, Stadt ohne Gnade. S. Fischer Verlag, 116 Seiten, Leinen, 7,80 DM, Deutsch von Charlotte Birnbaum.

Eine handelt von einem kleinen halbblinden Mädchen, das sich eine Brille wünscht. "Dunkel spürte sie: jenseits jener Stube, die innen voll nassem Zeug hing, der Stube mit den zerbrochenen Stühlen und dem stinkenden Abtritt da hinten, gab es Licht, Klänge, schöne Dinge; und damals, als sie die Brille aufgesetzt hatte, war ihr eine wahre Offenbarung zuteil geworden: die Welt draußen war schön; sehr schön." Damals, im Brillengeschäft in der vornehmen Via Roma, hatte sie die Brille – bis zuletzt wird ihr vorgehalten, daß sie 8000 Lire kostet – nur aufprobiert. Die Welt, ihre Welt der Violo della Cupa Gasse, die sie nun, da sie die Brille endlich besitzt, erblickt, angefüllt mit "zerlumpten, mißgestalteten Menschen, in deren Gesichtern Elend und Ergebung wie einfgenarbt standen". Da bricht das Mädchen zitternd zusammen. Als alles auf sie einredet, meint die mitleidige Pförtnerin Mariuccia zu den Umstehenden: "Laßt sie in Ruhe, das arme Ding, sie ist nur verwundert."

Gleichgestimmt, gleichgeprägt von emipörtem Mitgefühl, von verhaltener sozialer Anklage, aber reportagehafter, weniger dicht und künstlerisch durchdrungen sind die anderen Erzählungen der sehr begabten Ortese. Übersetzt wurden sie von Charlotte Birnbaum mit einer Sorgfalt, die sie einem anderen italienischen Autoren, Elia Bartolini (nicht zu verwechseln mit Luigi Bartolini von den "Fahrraddieben") nicht angedeihen ließ, da er ihr offenbar weniger lag. Vielleicht liegt es etwas an dieser Übersetzung, deren Deutsch umständlich, nachlässig und ungenau ist, daß der Roman

"Zwei Brücken in Caracas", 254 Seiten, Leinen, 11,80 DM, Claassen Verlag Hamburg,

keine stärkere Resonanz im Leser auslöst. Vielleicht ist daran aber auch der "Held" des Buches schuld, der Ingenieur Andrea, derin Venezuela eine Brücke baut, nachdem ihm eine andere in Italien eingestürzt ist und der etwas farb- und konturlos, allzu passiv geraten ist. Angenehm berührt der Ernst und die Aufrichtigkeit des jungen, mit dem Bagutta-Preis ausgezeichneten Autoren, dessen geistiger Standort nicht weit von Camus und seiner "Bewährung im Sinnlosen" auszumachen ist, und der es versteht, die Isoliertheit seines Helden im Einklang zu bringen mit der wilden Trostlosigkeit der Menschen und der Landschaft von Venezuela, dem Land, wo einem Mann, dem eine Brücke eingestürzt ist, eine zweite Chance gegeben wird; wo man ihn nicht büßen läßt, wie daheim in Italien. Darin der Ortese verwandt, auch bei Bartolini durchschimmernd das große Unbehagen, ein Zweifel, der nahe bei der Verzweiflung steht – und so deutlich im Kontrast zu dem "Sonnigen Italien" der Reisebüros. Wolfgang Ebbert