BP, Stockholm, im November

Selten hat eine Rede so eingeschlagen, wie die des schwedischen Reichsbankchefs Per Äsbrinks auf der Tagung der schwedischen Gewerkschaften in Västerås. Wie ein Savonarola der Wirtschaftspolitik geißelte er mit drastischen Worten die Sünden der Lohnpolitik der vergangenen Jahre. "Die Hörer bekamen einen kräftigen Schock", hieß es in den Kommentaren der schwedischen Presse, und man bezeichnete die Rede des Reichsbankchefs als "politische Atombombe". Wer da geglaubt hatte, dieser von der sozialdemokratischen Regierung im Frühjahr ernannte Reichsbankleiter würde nur der "Stimme seines Herrn" lauschen, ohne sich eine eigene Meinung über die Wirtschaftspolitik zu bilden oder gar zu äußern, wurde wachgerüttelt. Herr Äsbrink verlangte nicht mehr oder weniger als: Schluß mit dem dummen und kindischen Tanz um das Inflationsfeuer. Schluß mit dem Ringelreihen mit dem Kompensationsteufel! Das ist ein gefährliches und törichtes Spielt. Nutzt alle Möglichkeiten zu einer echten Lohnerhöhung aus, aber verlangt nicht Einkommenssteigerungen, die sich sehr bald in ein luftiges Nichts auflösen. Das war in kurzen Worten der Rat, den der Reichsbankleiter den Gewerkschaften mit auf den Weg in die Verhandlungen über die Löhne gab.

Die Lohnempfänger fordern immer eine Entschädigung für eingetretene Preissteigerungen, erklärte Äsbrink. Erstens wollen sie eine Kompensation dafür haben, daß die Landwirte wegen der schlechten Ernte ihre Preise erhöhen wollen. (Der trockene Sommer verursachte Ernteschäden für 505 Mill. Kronen.) Zweitens wollen sie dafür entschädigt werden, daß die im Frühjahr geforderten und allzu großzügig gewährten Lohnerhöhungen auf die Preise durchgeschlagen sind. (Die Lohnempfänger verlangen also auch eine Kompensation für Preissteigerungen, die sie selbst verursacht haben.) Und schließlich habe der "schöne, heilige Kompensationsteufel" auch manchem eingeflüstert, daß man natürlich eine Kompensation auch dafür haben müsse, daß die Mieten steigen, weil die Zinsen gestiegen sind. Er aber warne entschieden vor neuen, maßlosen Lohnforderungen. Das sei "keine Kritik an der königlich schwedischen Gewerkschaftsbewegung", aber ein hochentwickeltes Industrieland wie Schweden, das in so großem Maße von seinem Außenhandel abhängt, könne nicht alleine seinen Inflationsreigen tanzen.

In der Oppositionspresse fand der Reichsbankleiter natürlich lebhafte Zustimmung, denn dort "hatte man all das schon seit vielen Jahren gesagt". Es ist jedoch das erstemal, daß eine maßgebende Persönlichkeit aus den eigenen Reihen der schwedischen Sozialdemokraten mit so klaren Worten vor Lohnforderungen warnte und die Arbeiterschaft aus ihrer Hypnose zu wecken sucht. Deshalb war diese Rede ein Überraschungsschock. Wie lange er vorhält, ist eine andere Frage. Im Interesse der schwedischen Wirtschaft muß man hoffen, daß ihre Wirkung nicht allzu rasch verpufft.