Von Felix Morley

Washington‚ im November

Politisch gesehen schreiben wir in den USA schon jetzt 1956. Dieses "Präsidentschaftsjahr" begann am 8. November, als im ganzen Lande neue Bürgermeister und Gemeindeabgeordnete gewählt würden. Von jetzt bis zur Wahl des Präsidenten im nächsten November wird nun die Aufmerksamkeit vieler Amerikaner fast ausschließlich auf innenpolitische Fragen gerichtet sein. Die Gemeindewahlen haben normalerweise keine große Bedeutung; aber jetzt, so kurz vor der Präsidentschaftswahlkampagne, sind sie doch interessant, weil sie zeigen, wie der Wind weht. Im allgemeinen haben am 8. November die Demokraten besser abgeschnitten als die Republikaner. Im Staate Indiana im Mittleren Westen, der immer als republikanisch gegolten hat, haben in 40 Gemeinden die Demokraten die Führung übernommen. Da es sich dort vor allem um Zentren der Landwirtschaft handelt, hat man die sich in dem Ergebnis ausdrückende Unzufriedenheit auf den Preisabfall landwirtschaftlicher Produkte zurückgeführt, der, zusammen mit den riesigen und noch immer steigenden Verbraucherkrediten, eine dunkle Wolke am sonst so heiteren Himmel der amerikanischen Wirtschaft bildet.

Aber auch in anderen wichtigen Staaten haben die Demokraten kleinere Gewinne zu verzeichnen. Die Parteiführung triumphiert. Gewiß zeigt die politische Wetterfahne im Augenblick eindeutig auf die Demokratische Partei, die schon jetzt die Mehrheit im Kongreß hat und mit Sicherheit darauf rechnet, auch den Präsidenten zu stellen, sofern irgendein anderer als Eisenhower der republikanische Kandidat ist.

Um so mehr Grund haben die Republikaner zu hoffen, daß Eisenhower in der Lage sein oder sich überreden lassen werde, noch einmal die republikanische Kandidatur zu übernehmen. Aber Eisenhower, der noch immer unter strenger ärztlicher Aufsicht steht, muß noch einmal mindestens sechs Wochen zur Erholung auf seinen Landsitz in Pennsylvanien gehen. Die Wahrscheinlichkeit, daß er sich wieder als Präsidentschaftskandidat aufstellen läßt, ist nicht groß.

Um möglichst viel von Eisenhowers Popularität zu profitieren, wird unter führenden Republikanern jetzt erwogen, Eisenhower aufzustellen mit dem geheimen Vorbehalt, daß er sofort nach erfolgreicher Wiederwahl zurücktreten solle. Als Vizepräsident würde jemand aufgestellt, der das volle Vertrauen des Präsidenten genießt – vielleicht sein Bruder Milton Eisenhower –, der dann, nach der vorgesehenen Resignation, die Präsidentschaft übernähme. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß ein Mann von Eisenhowers Integrität sich auf solche macchiavellistischen Manöver einläßt. Der Plan zeigt aber, mit welcher Verzweiflung man im republikanischen Lager nach einer Lösung sucht.

Man hat sich bisher noch auf keinen anderen als Eisenhower einigen können, obwohl es für die Regierungspartei sehr wichtig ist, so früh wie irgend möglich einen festen Kandidaten zu haben. Naheliegend wäre es natürlich, Vizepräsident Nixon dafür einzusetzen. Aber Nixon hat starke Gegner und wird im allgemeinen, mit 42 Jahren, für zu jung gehalten. Höher im Kurs steht der Chief Justice Earl Warren, Kalifornier wie Nixon und früher ein sehr populärer Gouverneur des Staates. Warren hat jedoch jede Rückkehr in die Politik rundheraus abgelehnt; allerdings sind viele Leute der Ansicht, daß er sich die Sache noch einmal überlegen würde, falls Eisenhower ihn persönlich darum bäte.