Mit den Nöten der Republikaner wachsen die Hoffnungen der Demokraten. Gleichzeitig damit wird der Kampf um die Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten mit jedem Tag erbitterter. Die besten Aussichten hat noch immer Adlai Stevenson, der ehemalige Gouverneur von Illinois und Gegenkandidat Eisenhowers bei den letzten Wahlen; (Eisenhower: 33 Millionen Stimmen, Stevenson: 27,3) aber Averell Harriman, der Gouverneur des Staates New York, folgt ihm auf den Fersen. Harriman hofft, aus seiner langen und engen Verbindung mit Roosevelt Vorteile zu ziehen; aber diese Assoziation mit dem Rooseveltschen Programm des "New Deal" ist gleichzeitig auch eine Belastung für ihn – vor allem in den Südstaaten. Senator Kefauver aus Tennessee ist ein ewiger Präsidentschaftsaspirant und als solcher nicht sehr ernst zu nehmen. Anders verhält es sich mit Frank J. Lausche, einer schwer durchschaubaren Figur in diesem Spiel: Lausche hat sich jetzt fast zehn Jahre lang als Gouverneur des Staates Ohio ausgezeichnet. Er sagt wenig. Aber sowohl in Ohio wie auch in den Südstaaten, wo die Abneigung gegen Stevenson nur noch vom Haß gegen Harriman übertroffen wird, setzen sich die Demokraten für Lausches Nominierung ein.

Wichtiger vielleicht als diese Übersicht über die augenblicklichen Aussichten einzelner Kandidaten ist die Tatsache, daß die Kampagne für die Wahlen vom 6. November 1956 schon jetzt angelaufen ist. Die Tatsache, daß das Datum einer amerikanischen Präsidentschaftswahl immer schon von vornherein festgelegt ist, und zwar auf den ersten Dienstag im November, hat schwerwiegende Folgen. Es bedeutet nämlich, daß die Wahlkämpfe in den USA während einer viel längeren Periode als in europäischen Ländern die Politik beeinflussen. Gerade jetzt zum Beispiel wird Amerikas Politik im Nahen Osten von der Rücksicht auf jüdische Wählergruppen bestimmt. der Einfluß solcher Interessengemeinschaften, solcher "pressure groups", wird noch verstärkt durch ein höchst undemokratisches Wahlverfahren.

Der amerikanische Wähler gibt sein Stimme nicht für den Präsidenten ab, sondern für Partei-Wahlmänner, deren Zahl sich nach der Größe des jeweiligen Staates richtet. New York, der Staat mit den meisten Einwohnern, hat 45 Wahlmänner, Kalifornien und Pennsylvanien haben je 32. Es folgen Illinois mit 27, Ohio mit 25, Texas mit 24 – und so weiter bis zu Delaware, Nevada, Vermont und Wyoming, die jeder nur drei Stimmen haben.

Die Partei, die in dem jeweiligen Staate bei den Wahlen gewinnt, gewinnt damit zugleich das Recht, alle Wahlmänner des Staates zu stellen. Mit anderen Worten: Die Stimmen der Wahlmänner, auf die es schließlich ankommt, gehören in jedem Staate geschlossen entweder der einen oder der anderen Partei. Sollten mehr als zwei Kandidaten aufgestellt sein, so kann es vorkommen, daß ein Kandidat, für den weniger als die Hälfte der Stimmen abgegeben wurden, trotzdem alle Wahlmänner des Staates für sich gewinnt.

Dieses komplizierte System bringt es mit sich, daß Präsidentschaftskandidaten immer aus den bevölkerungsreichsten Staaten stammen müssen, damit der heimatliche Lokalpatriotismus ihnen von vornherein eine ordentliche Zahl Wahlmännerstimmen einbringt. Ein Mann wie Christian Herter, der Gouverneur von Massachusetts, der sicher einen der guten Präsidenten abgeben würde, hat daher keine Aussicht, von den Republikanern nominiert zu werden, weil Massachusetts nur 16 Wahlmänner aufzustellen hat. Die Aussichten eines Kandidaten aus Kalifornien, mit 32 Wahlmännern, wären also genau doppelt so groß.

Bei den Präsidentschaftswahlen ist überdies die Macht der Parteimaschinen in den großen Städten sehr groß. Wenn die Parteifunktionäre nur ein paar dicht bevölkerte Stadtteile fest unter Kontrolle haben, dann genügen diese Stimmen oft, den Sieg ihres Kandidaten nicht nur in der betreffenden Stadt, sondern im ganzen Staat sicherzustellen. Das wiederum bringt es mit sich, daß der Kandidat es sich gefallen lassen muß, seinen Standpunkt von den Instruktionen der "Bosse" beeinflussen zu lassen, die wiederum von dem Druck der "pressure groups" in diesen wichtigen Bevölkerungszentren abhängig sind. In den großen Industriestädten kann man schon jetzt den Kampf zwischen solchen mächtigen Gruppen beobachten. Und natürlich wird es zu Privatabmachungen kommen – so daß etwa die Gewerkschaftslobby sich bereit erklärt, den Kandidaten der Israel-Lobby zu unterstützen, wenn ihr dafür garantiert wird, daß dieser Kandidat auch Gewerkschaftsinteressen vertreten wird.

In einem "Präsidentschaftsjahr", wie es jetzt beginnt, steht daher das politische Kräftespiel der USA unter dem Einfluß vieler Faktoren, die mit vernünftigen weltpolitischen Erwägungen wenig oder nichts zu tun haben. In dieser Zeit regieren nicht Persönlichkeiten, sondern die politische Maschinerie. Solange Amerika isoliert war, mochte das noch angehen, denn schließlich war es Sache der Amerikaner, wie sie ihre Politik machten, aber heute, wo Amerika eine führende Rolle in der Weltpolitik zu spielen hat, ist das etwas ganz anderes.