Daß der neue Kurs in Pankows Kulturpolitik längst wieder tot war, konnte in letzter Zeit keinem verborgen bleiben. Schon im Sommer hielt Paul Wandel, der für Kulturfragen zuständige Sekretär des ZK der SED, eine offizielle Begräbnisrede. Die schädliche Methode des Administrierens – nach dem 17. Juni 1953 unter dem Druck der überwiegenden Mehrheit aller, keineswegs nur bürgerlicher, unzufriedenen Intellektuellen verworfen – wurde endgültig rehabilitiert. Wandel sprach vom "Administrieren, auf das wir nicht verzichten, nämlich die Anwendung der staatlichen Macht der Arbeiterklasse auch auf dem Gebiet der Kunst". Was das im Bereich des Theaters bedeutete, interpretierte sogleich "DDR"-Kritikerpapst Fritz Erpenbeck in seinem "Theaterdienst": "Verstanden wurde der ‚Neue Kurs’... nur nach einer Seite: nach der Seite der Auflockerung, des Lebendigerwerdens. Und selbst da wurde er, wenn man auf so manches seichte und sogar fragwürdige Stück stößt, mißverstanden."

Was hatten denn die armen Intendanten der mitteldeutschen Theater, die ja beileibe keine verkappten "imperialistischen Agenten" sind, sondern in ihrer Mehrzahl sogar Genossen der Staatspartei, verbrochen, das die jetzt an ihrer Spielplangestaltung geübte Kritik rechtfertigte? Sie hatten einfach neben einer starken Berücksichtigung der Klassiker – wobei ideologisch kaum etwas schiefgehen konnte, da sie sich hier im Einklang mit der staatlichen Forderung nach "Pflege des kultureller Erbes" wußten – ihrem nach Entspannung verlangenden Publikum auch wieder leichte Unterhaltungsware geboten, hatten hier und da der "Raub der Sabinerinnen", die "Hochzeitsnacht im Paradies" oder eine Lehár-Operette ins Programn aufgenommen. Ganz besonders Schlaue glaubte sich hierbei dadurch rückversichern zu können, daß sie im Programmheft erklären ließen, das Stück werde gespielt, um zu zeigen, wie man es nicht tun soll. Sie hatten sich, wie es der "Theaterdienst" formulierte, "auf Werke des kritischen Realismus oder die mehr individualistischen Themen progressive ,westlicher‘ Autoren" zurückgezogen. Aber das bedeutete keineswegs, wie man aus der Kritik folgen könnte, ein Verschwinden der Zeitstücke kommunistischer Provenienz von der Bühne. Nach wie vor waren die weltbedeutenden Bretter auch noch Plattform für eine agitatorische Belehrung des Publikums im Sinne der geforderten "Bewußtseinsbildung". Eine besonders beliebte Spielart dieser dramatischen Genres bildeten dabei aufklärend Lektionen über die Entlarvung böser "Agenten" die oft in die Form von Kriminalstücken gekleich waren, bei denen Volkspolizei und SSD die Rolle der positiven Helden spielten. Von 52 Ur- und Erstaufführungen auf dem Gebiet des Schauspiels in der vergangenen Spielzeit kamen immerhin 23 auf das Konto meist sehr "fortschrittlicher" sowjetzonaler Autoren, und neun waren das Werk sowjetischer und volksdemokratischer Schriftsteller. Allerdings erwies sich der größte Teil dieser neuen Stücke als literarische Eintagsfliegen. Erfolge wie Kipphardts für östliche Verhältnisse recht kühne selbstkritische Satire auf den Zonenkulturbetrieb Shakespeare dringend gesucht oder Hedda Zinners dramaturgisch wirkungsvolles Schauspiel über den Reichstagsbrandprozeß Der Teufelskreis wiederholten sich nicht. Bechers Winterschlacht dürfte ihre weitere Verbreitung nur der Stellung ihres Autors verdanken. Kein Theater aber will Produktionsgenossenschafts-Komödien oder Dramatisierungen des "sozialistischen Wettbewerbs".

Wie präsentiert sich nun der Spielplan der 63 Bühnen Ostberlins und der Sowjetzone in der laufenden Spielzeit? Ein Drittel Klassiker, ein Drittel Zeitstücke von Autoren aus der "DDR", der Sowjetunion und den Volksdemokratien, der Rest Werke des kritischen Realismus aus dem 19. Jahrhundert, Märchen, etwas Unterhaltung und einige zeitgenössische westliche Autoren. Wer von ihnen ist zugelassen? Es sind wenige genug. Aus Westdeutschland begegnet man Ulrich Becher mit "Samba" und der "Mademoiselle Löwenzorn", sein "Feuerwasser" will die Ostberliner Volksbühne für die "DDR" erstaufführen. Weiter ist Günter Weißenborn mit "Babel" und der "Ballade vom Eulenspiegel" vertreten, ein paar Jugendtheater spielen Kästners "Emil und die Detektive", und das Ostberliner Deutsche Theater und Erfurt planen, das an den Münchner Kammerspielen uraufgeführte Schauspiel von Peter Hacks "Die Eröffnung des indischen Zeitalters" herauszubringen. Aus. Das westliche Ausland kommt nicht viel besser weg. Dem sozialkritischen Gehalt seiner schönen poetischen Balladen verdankt Garcia Lorca seinen Zugang zur klassenmoralischen Schaubühne im SED-Staat. Sartres Wandlung zum "Friedenskämpfer" bescherte dem mitteldeutschen Publikum wenigstens die Bekanntschaft mit seiner "Ehrbaren Dirne", die zugleich den Kulturfunktionären eine willkommene Bereicherung ihres antiamerikanischen Dramenrepertoires bedeutet, Frankreich genießt überhaupt den Vorzug. Von dort kommen noch Pagnols "Das kleine ABC" und "Der goldene Anker", Cocteaus "Die Schreibmaschine" und Anouilhs "Die Lerche". Die amerikanische Bühnenliteratur erschöpft sich für die Theaterplaner am Molkenmarkt, wo Bechers Kulturministerium die Fäden in der Hand hält, in den kommunistischen Autoren Albert Maitz, Howard Fast, Herb Tank und David Berg. Als Erfurt und Eisenach für diesen Winter Patricks "Kleines Teehaus" ankündigten, entrüstete sich der "Theaterdienst" gleich in zwei Leitartikeln über dieses Vorhaben. Die massiven Gegenargumente reichten von scharfen Angriffen gegen die "als Zivilisation getarnte Barbarei" bis zu der Mahnung an die Adresse der Theater, die sich von dem "Teehaus" einen "Sensations- und Kassenerfolg" versprächen: "Das würde den Verzicht auf unsere Kulturpolitik bedeuten."

Was man sich in Thüringen erlaubt, erlauben sich die Ostberliner Bühnengewaltigen schon nicht mehr. Sie bemühen sich, unterstützt durch hohe staatliche Subventionen, ihre hauptstädtisch repräsentative Aufgabe zu erfüllen. So wird in Ostberlin, wie übrigens auch vielfach in der Provinz, zweifellos gutes Theater gespielt, soweit die Zwangsjacke ideologischer Bevormundung daran nicht hindert. Aber selbst das Bestreben, hier dem Westen eine. kulturell^ Fassade vorzusetzen, erlaubt keine Abweichungen von der grundsätzlichen, von oben dekretierten Linie. Das Berliner Ensemble und die Komische Oper genießen mit Recht internationale Anerkennung, doch selbst einem Könner wie Brecht sind Grenzen gesetzt, die er nicht überschreiten darf – bis heute ist er die mehrfach angekündigte Neuinszenierung seiner "Dreigroschenoper" schuldig geblieben –, und Felsenstein kommt zugute, daß es in dem von ihm vertretenen Genre des Musiktheaters kaum Kollisionsmöglichkeiten mit den kulturpolitischen Prinzipien des Regimes gibt. In Langhoffs Deutschem Theater wird man in dieser Spielzeit zwei Uraufführungen erleben: eine Tragikomödie seines Chefdramaturgen Hektar Kipphardt "Der staunenswerte Aufstieg des Alois Piontek" und das wehrpropogandistische Schauspiel der begabten Hedda Zinner "Die Lützower". Zur Erstaufführung soll des Türken Nazim Hikmets "Legende von der Liebe" gelangen. Ein neues Opus Johanr.es R. Bechers, Der Weg nach Füssen, wird im Maxim-Gorki-Theater vorbereitet.

"Westliche Kreise unterschieben uns gern Einseitigkeit und Abhängigkeit von einer angeblichen "Staatsdramaturgie", beklagte sich das "Theater der Zeit", und glaubte darauf erwidern zu können: "Unser Spielplan in seiner Gesamtheit, besonders aber die Ur- und Erstaufführungen beweisen, für sich sprechend, das Gegenteil. Wir wolltet uns gern davon überzeugen lassen und unterrichteten uns selbst. Das Ergebnis liegt vor. Es dürfte wohl auch für sich sprechen. Heinz Fürsten