In der letzten Ausgabe der ZEIT ist unter diesem Titel eine Betrachtung zum Thema "Devisenmangel" erschienen, nachdem vorher schon (in Nr. 42 und 43) in der gleichen Rubrik "Was ist gemeint?" zwei andere "Fachworte" (nämlich "Konvertibilität" und "konjunkturelle Überhitzung") kritisch erläutert worden waren. Zum Schlagwort "Devisenmangel" bleibt nun noch einiges zu sagen.

Als Lebensmittel in Westdeutschland noch recht knapp waren, also in einer nunmehr sieben und mehr Jahre zurückliegenden Zeit, hat es nicht an kritischen Stimmen gefehlt, als in handelsvertraglichen Abmachungen – beispielsweise mit Griechenland – eine erhöhte Einfuhr von Tabak vereinbart wurde: die "knappen Devisenbestände", so wurde gesagt, solle man doch besser für Importe an Lebensmitteln reservieren, anstatt sie durch Hingabe gegen entbehrliche Genußmittel zu "verschwenden .." Inzwischen hat sich die Auffassung gründlich gewandelt. So konnten wir beispielsweise in einer Betrachtung zum Erntedanktag 1955 lesen:

"Nur derjenige Teil der Ausfuhr, der nicht zur Deckung der Einfuhr von Nahrungsmitteln dient, stellt eine wirkliche Bereicherung unserer Wirtschaft dar."

Das ist also genau das Gegenteil dessen, was früher überall zu hören war: Devisen, durch die Ausfuhr "verdient", gelten heute als "verschwendet", wenn sie für die Einfuhr von Lebensmitteln aufgewendet werden – Tabak und sonstige Genußmittel müßte man statt dessen eintauschen: das allein wäre eine "wirkliche Bereicherung unserer Wirtschaft"! So also meint jetzt Dr. h. c. Heinrich Lübke, der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft...

Die Entscheidung darüber, ob nun die populäre Ansicht von 1948 oder aber die ministerielle Erkenntnis von heute zutreffend sei, ist nicht schwer: das eine ist so falsch wie das andere. Um das zu erkennen, brauchen wir uns nur einmal die Situation vorzustellen, die 1948 gegeben war, als es keinerlei Devisenreserven gab, und zum anderen brauchen wir nur die Annahme zu machen, die volle Konvertibilität ("Währungsaustauschbarkeit") sei bereits erreicht. Beide Annahmen führen (überraschenderweise) zu dem gleichen Ergebnis, nämlich, daß der Außenhandel sich ("gedanklich") so abwickeln läßt, als ob es gar keinen Devisenmangel (kein "Devisenproblem") oder – da ja die D-Mark beliebig in Devisen umtauschbar ist! – überhaupt keine Devisen mehr gäbe: "sichtbar" bleibt bei dieser Art der Betrachtung nur der Warentausch, der ja das Wesen des Außenhandels ausmacht... Für 1948 stellte sich also lediglich die Frage, ob es sinnvoll sei, griechischen Tabak gegen die Lieferung westdeutscher Industriewaren einzutauschen, oder ob man lieber auf ein solches Geschäft hätte verzichten sollen. Natürlich aber war es sinnvoll, mit der griechischen Wirtschaft nach Jahren eines erzwungenen Handelsstillstands wieder ins Geschäft zu kommen, gute Waren zu liefern, und dafür guten Tabak einzutauschen, um den "Rauchhunger" bei uns zu stillen; sinnvoll war das insbesondere auch deshalb, weil damals der "Weltmarkt" solche Lebensmittel, deren Einfuhr vielleicht "vordringlicher" gewesen wäre, entweder überhaupt nicht vorrätig hatte oder sie gegen die gleichen Industriewaren, die wir in Griechenland absetzen konnten, "tauschweise" nicht herzugeben bereit war... Also handelte es sich bei dem seinerzeitigen Tausch "Industriewaren gegen Tabak" um ein zusätzliches Geschäft, bei dem "die" Devisenreserve gar nicht beansprucht oder in Mitleidenschaft gezogen wurde – um einen "echten" (will sagen: nicht erzwungenen) Tausch, bei dem beide Partner voll auf ihre Rechnung kamen, und also recht wohl zufrieden sein konnten.

Soviel über den Handel von damals. Heute ist es – gleichgültig, ob nun Lebensmittel oder Genußmittel, ob Rohstoffe oder Fertigfabrikate eingeführt werden – grundsätzlich das gleiche, sofern nur der Handel sich "frei", d. h. ohne Zwangsauflagen von der einen oder der anderen Seite her, vollzieht, was ja denn auch der Fall ist. Insofern stellt jeder ("freie") Tausch eine wirkliche Bereicherung der Gesamtwirtschaft dar: wie die sehr einfache Überlegung zeigt, daß ein solcher Tausch ja nur dann zustande kommt, wenn er einem Bedarf entspricht, das heißt, wenn für die importierte Ware eine Nachfrage besteht, die bereit ist, für die Kosten der Ware plus Zoll und Steuern und Frachten aufzukommen, und dazu dem Importeur noch ein Entgelt für seine spezifische Leistung in Sachen "Bedarfsdeckung" zu bewilligen... Dieser sehr einfache und klare Tatbestand kann allenfalls durch die falsche Vorstellung verdunkelt werden, die nun allerdings zu den bevorzugten Irrtümern unseres Herrn Ernährungsministers und seines Stabes gehört: die Vorstellung nämlich, daß "der echte Bedarf an Lebensmitteln" – nach Menge und Güte – ein für alle Male fest zu normieren sei, daß aber gewinnsüchtige, schlechte Menschen, Importeure und andere Händler, es darauf anlegten, "entbehrliche" Einfuhren zu bewerkstelligen... Als ob der Importeur und der binnenländische Handel das Risiko auf sich nehmen könnten, an überflüssiger Einfuhrware, die sich ja dann als unverkäuflich oder zum mindesten als überteuert erweisen müßte, schwere finanzielle Verluste zu erleiden!

Ebenso verfehlt wie das Gerede von den "überflüssigen Einfuhren" ist auch die sehr tiefsinnig erscheinende "Theorie" von dem durch die verstärkte eigene Lebensmittelerzeugung Westdeutschlands "ersparten Devisenfonds", der (wie behauptet wird) die ausreichende Versorgung mit industriellen Rohstoffen erst ermöglicht habe. Das ist folgendermaßen formuliert worden: